Neben dem Eigenbedarf an Büroräumlichkeiten sollten für die Glaner Krankenversicherung 4 Wohnungen gebaut werden. In einem eingeladenen Wettbewerb schlugen wir vor die Qualitäten der vorhandenen Streusiedlung weiterzuentwickeln und wohnliche Arbeitsplätze anzubieten.

Fassade West 

Der Übergang von der Landschaft zum Dorf wird moderat gestaltet, nicht abrupt 

Die neuen Häuser sollen nicht an der Strasse stehen. Erst später, zum Dorfkern hin soll es so sein. Dann wenn das Dorf dichter werden soll  können die Strassenräume enger gefasst sein. Dann säumen Häuser die Strassenränder und verengen die Strassen. Am Dorfrand aber sollte der Übergang, heraus aus der Kurve in Richtung Dorf, allmählich und moderat gestaltet sein, keinesfalls abrupt. Das Dorf empfängt die Ankommenden mit einer lockeren, malerischen Setzung. 

Der erste Baukörper wird an den nördlichsten Rand der Parzelle gesetzt. Die Ausrichtung bestimmt die Parzellengeometrie. Die Grösse und Firstrichtung stammen von den umliegenden Nachbarn der Heulosen.  Die dadurch entstandenen Qualitäten überraschen, und überzeugen. Die Motoristen werden von einem erhaben und ruhig liegenden Haus begrüsst. Mit dem Sockel ragt es kraftvoll über die Hangkante hinaus. Das Haus wendet seinen Giebel so selbstverständlich zur Strasse als wäre es nie anders gewesen. Mit der Nordseite blickt es ins Tal in Richtung Gruebenwald. Mit der Ostseite zeigt es zum Inseli zwischen Sernf und Linth und mit der Südseite wendet es sich der zu Sonne zu – und obendrein: Der wegen Parzellengrenzen und Höhenverlauf des Geländes ins Strassenbild gedrehte Giebel schliesst den Dorfraum ab. Er begleitet nicht den Strassenraum traufständig, sondern ragt selbstbewusst mit dem Giebel ins Strassenbild hinein. Von einer grossen Eiche und einem Wandbrunnen unterstüzt wird der Dorfraum endlich wieder gefasst. Für Autofahrerinnen und Fahrer sollte nun auch ohne Beschilderung klar sein wie weit das Dorf geht. 

Die Häuser sitzen so als wären sie schon immer hier 

Situation

Die Grösse und Ausrichtung des ersten Hauses bildet Grundlage für die Setzung eines Zweiten. Am neuen Strässschen steht es etwas zurückversetzt und distanzierter hinter der Mauer.  Die Adressierung, also die Zugänge mit Briefkästen und Besucherparkplätzen soll oben am Hang, im zukünftigen Zentrum des Quartiers liegen. Im Situationsplan wurde ein erster Vorschlag für die zukünftigen Baufelder skizziert. Die bergseitige Giebelfassade wird mit einem überdeckten Betonschild robust ausgebildet. Mit Baum und Treppenpodest formt sie den Eingang. Ein kleines Plätzchen davor öffnet den Sichtwinkel für Anrainer rechts auf die Erschliessungsstrasse. Die Tiefgarageneinfahrt befindet sich unten an der lärmigen Hauptstrasse, genauso eine fussläufige Abkürzung zum Dorf. Sie wird als Nebeneingang gestaltet.

Hinter der Mauer liegt ein geschützter Kirschgarten

Eine dicke Natursteinmauer mit breiten Mörtelfugen rahmt die Bauten. Die Pietra Rasa ist eine gängige und einfache Wandart. Wir wissen um deren ortsbaulichen Qualitäten. Nicht nur im Glarnerland, sondern auch im Tessin schaffen sie wunderbar gestimmte Strassen- und Binnenräume. Mit ihrer Höhe und Beschaffeneit moderieren sie die Übergänge vom öffentlichen zum privaten Raum. Sie verankern die Bauten im Terrain und lassen durch die Bauten durch die Rahmung stärker wirken. Im Inneren der Mauern wächst ein Kirschgarten mit wenig, aber präzis gesetzten Bäumchen und Obstspalieren. Schattenspendende Pergolen entschärfen den sonst oft abrupten Wechsel von Innen nach Aussen. Der Schlund der Tiefgarageneinfahrt liegt im Schatten. Die Mauer schützt die Bewohner und Mitarbeitenden vor Lärm. Am Kreiselplatz bietet sie zusammen mit einer grossen Eiche einen guten Ort für einen Brunnen. Die Mauern grenzen also nicht ab, sondern schaffen Klarheit. Zweifellos sind  architektonisch gute Bauten Bestandteil guter Dörfer. Grundlegender aber ist die Qualität der Zwischenräume. Sie entscheidet über Qualität und Gestaltung des Lebensalltags. Sie bestimmen, ob wir Siedlungen oder Quartiere bauen. 

Zwischenräume entscheiden über die Qualität des Lebensalltags 

Die Zwillingsbauten schmiegen sich in die Topografie. Sie liegen sanft auf dem Terrain der Heulosen. Ihre Firste richten sie wie ihre Nachbarn zwischen Ost und West. Die Räume dazwischen bleiben durchlässig. Weiterhin kann man von der Strasse hoch zum Rüteli und weiter zum Guppen sehen. Auf den ersten Blick ist es so als wäre es nie anders gewesen.

Der zweite Blick. Die Setzung führt die jahrhundertelange Tradition der funktionalen Trennung im Mehrhausbau weiter. Heute trennen wir aber nicht das Haus vom Stall, sondern wir trennen das Haus vom Büroteil.  Beide Bauten sind äusserst simpel und effizient strukturiert. Das Büro wird als flexibles Rastersystem mit Achsweiten von 1.35m / 2.70m geordnet. Das Wohnhaus erhält in ähnlichen Dimensionen ein klassisches Kammernsystem, das von Nord nach Süd geschichtet wird. Laube, Wohnen, Nebenräume, Schlafen. Das Bürohaus funktioniert mit Stützen als einfach adaptierbares System. Es könnte sogar in Geschosswohnungen umfunktioniert werden.  

Effiziente Raumstrukturen für hohe Funktionalität

Grundriss Hochparterre

Beide Gebäude erhalten nach Süden einen ‚Betonkopf‘. Beide wegen des sommerlichem Wärmeschutzes. In Nutzung und Ausdruck sind sie aber grundverschieden. Die murale Bürofassade wirkt etwas repräsentativer und nüchterner. Kleine, seriell gereihte Fenster mit Läden und Jalousien sorgen für optimale Lichtverhältnisse. Das Wohnhaus dagegen erhält eine Besonderheit, eine Erfindung, die es vielleicht schon andernorts gibt, aber vermutlich hier zum prägenden Charakteristikum werden kann. Die Loggia wird zum multifunktionalen Alleskönner.

Klima als Entwurfsfaktor.  Altes neu interpretiert. 

Von etlichen historischen Beispielen, wie bspw. dem Grosshaus in Elm (vgl. Referenz Blatt 5), kennen wir die typischen, gemauerten Küchentürme. Sie wurden aus Brandschutzgründen und der Speicherfähigkeit halber gebaut. Die markanten Holz-Mauerwerk Kombinationen werden in Schwanden neu interpretiert. War der Turm früher für das Feuer, also Kochen und Heizen gedacht, so soll daraus nun eine Klimakammer für heutige Bedürfnisse werden. Im Schatten der Betonstruktur können statt Lochfenster raumhohe Öffnungen gesetzt werden. Es entsteht eine mannigfaltig nutzbarer Mischraum aus Brise Soleil, Wintergarten, erweiterter Stube, Jahreszeitenzimmer mit Küche (Kochen auf dem Balkon) und Entrèe (sic!): 

Die Wohnungen werden über die Loggia erschlossen. Die dadurch frei gewordenen Korridorflächen werden nun als Lager, Ankleide und Bad genutzt. Der schaltbare Raum reagiert auf klimatische Bedingungen. Er schützt vor Sonne im Sommer oder fängt sie im Winter ein. Er erlaubt es von den Mietenden freudvoll möbliert zu werden und den Wohnraum grosszügig zu erweitern. Die Struktur ist stark genug um bunte oder extravagante Bespielungen aufzufangen. Die Architekten Lacaton Vasalle haben das hinreichend nachgewiesen. 

Grosshaus Elm

Loggia als Eingang spart Korridorfläche 

Es sind tatsächlich sehr kleine Wohnungen. Sie bieten aber mit bis zu 24 m2 vergleichsweise riesige Aussenräume. (Die Überbauung Heulosen hat bei 4.5 Zimmer Wohnungen 10 m2 Balkon). Alle  anderen Annehmlichkeiten bieten sie ebenso: Lift, Tiefgaragenplätze, Veloräume, Tödiblick, etc.

Das Wohnungs- und Büroangebot versteht sich als Kontrapunkt zu den landläufigen Angeboten mit Betondecken, Dünnschichtparkett etc. Es bietet dichte, funktional gestaltbare Grundrisse, Raumhöhen mit Atem von 3m! für noch mehr Licht. Materialisiert sind sie für den Glarner Süden entsprechend ‚rustikal‘. An den Wänden findet man Weisstanne statt Putz und Gipskarton. Feine Fugen mit eingelegten Galerieschienen halten die Wände unbeschadet. Harte Kunststeinböden mit Einstreu aus Porphyr wirken holzig warm und sind langlebig. Ein Stichwort das inspiriert: Nachhaltig bauen. Konstruktiv und gestalterisch, aber auch räumlich funktional. 

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Wettbewerb auf Einladung: Mitarbeitende Qendrim Gashi, Landschaft: Begliger Bryan Landschaftsarchitekten, Tragwerk: tragstatur bauingenieure GmbH Uwe Teutsch;

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