«kultivieren*»

Öffnung eines ursprünglich privaten Weinberges in Glarus.*lat. colere: Natur urbar machen und (sic!) cultura: Pflege.

08 Rebhaus und TurmRebhaus und hohes Haus. Dazwischen öffnet sich der Weinberg und seine Stützmauern.

Weithin ist der Weinberg von Ennetbühls sichtbar. Schon im Wettbewerb zur Linthbrücke zielte dessen Linienführung auf den sonnenbeschienenen Geröllkegel, der sanft über eine Runs nach Ennenda ausläuft. Darüber liegen Schilt und Bärenköpfe, weiter südlich die Aeugstenhütte. Der Steg verbindet nicht nur Ortsteile, sondern Stadt- und Landschaftsräume. Mittig in der Ansicht des Weinbergs verstellt ein recht hübscher Vertreter des Heimatstils die Reben auf den Terrassen dahinter. Ungefähr hundertjährig, hockt das Haus über einer auslaufenden, giebelständigen Häuserreihe.

Innen wirkt die Baute überraschend kleinräumig, wegen des Eternittäfers geradezu kühl . Die Mieterinnen und Mieter sitzen hier manchmal bis in den späten Frühling in Jacken an den Bürotischen. Zudem ist der Unterhalt des Weinbergs mit sehr viel Aufwand verbunden. Der Unterhalt der Stützmauern verlangt nach aufwäandigen Instandhaltungen. Eine der rutschenden Mauern fiel bereits, anderen droht das gleiche.

 

00 Richtung KlöntalVorderglärnisch, Schwammhöchi, Rautispitz. Linkerhand, das hohe Haus. Rechterhand, das feine Dach des liegenden Hauses. Dazwischen ein neuer Hof..

 

01 Konzept BebauungLinks: Strategie Weiterbauen, hier mit einer Aufstockung. Mitte: So wie es früher einmal war, der Weinberg noch ohne Haus. Rechts: Weinreben und Pergola mit prägnantem Abschluss am rechten Rand durch ein hohes Haus. Der Weinberg rückt ins Zentrum.

 

Ausgangslage Folgende Fragestellung stellte sich also: Wie kann man die Qualitäten des Weinberges in Ennetbuehls besser zur Geltung zu bringen, ausbauen und zu einem 'selbsttragenden' Erlebnisraum umgestalten. Der 'ummauerte Garten' soll nicht weiterhin privates Amüsement bleiben, sondern ein öffentlicher, zugänglicher Ort werden. Er liegt entlang der zukünftigen Glarner Kulturmeile, der vom Hauptbahnhof vielleicht einmal gut über den Steg erschlossen sein würde.

05 VorderglärnischVom Platz wirkt der Vorderglärnisch perfekt wie eine Pyramide. 

Mit dem ‚Erlebnis Wiberg‘ werden verschiedene Ideen und Angebote vereint, damit er als zuversichtliches und starkes Zeichen für Glarus, ja für das Glarnerland etabliert wird. Der Ort soll zu einem gesellschaftlichen, kulturellen Anziehungs- und Ausgangspunkt umgewidmet werden. Es geht dabei nicht um gastronomische Nutzungen, sondern um einen Raum zur Aneignung durch verschiedene Gruppen oder Einzelpersonen. Wir denken an einen kleinen Weihnachstmarkt, ein Weinfest mit unplugged Musik (wie in Tann bei Biel), improvisierte Studiokinos in der Garage, eine Skulpturenausstellung vom Kunsthaus kuratiert, Hochzeiten, Geburtstagsfeiern und Lesungen in der Saletta, Meditationen, Entspannung im Hotpot und Übernachten im Weinberg. Mit dem vorliegenden Projekt wollen wir etwas bewegen und anstossen. Fer Weinberg soll vor allem ein Ort für Alle, für die Glarner werden. 

Bestand um 1900Bestand um ca. 1911. Das heutige Haus stand damals noch nicht, nur eine Scheune. 

Das Schutzziel betrifft die Typologie, den kulturhistorischen Wert sowie das Ortsbild. In diesem Fall die Terrassenbauwerke und die Nutzung als Weinberg: „ Ein Glarner Unikum. Nach dem Stäfener Handel, in welchem die lokalen Rebleute unter Zürcher Zunftzwang gestellt werden sollten, brachten Flüchtlinge Reben mit und pflanzten sie für Fridolin Trümpy-Altmann aus Widerstand an.“   

Annnäherung Ziel war es den Bestand zu erhalten, weiterzubauen, umzubauen. Oft fuhr ich am Weinberg vorbei und dachte: Das schöne Haus ist die Messlatte – zugegenermassen recht hoch gelegt. Alles was folgen wird muss besser sein als das Vorherige. Doch bei all den unzähligen Vorschlägen, die den Bestand zu erhalten und zu integrierten versuchten, waren die Aussenräume ungünstig platziert und als Erschliessungsräume verstellt. Die Baute warf nicht nur Schatten, was zu dulden wäre, doch sie bildeten vor allem kaum nutzbare Vorder- und Rückseiten. Ungenügend wirkte auch die weiterhin verstellte Sicht auf den Weinberg. So würde er nicht besser werden, nur anders. Keine der Lösungen bot Besserung. Es wurde eher schlechter und unterstütze das eigentliche Schutzziel nicht: Nämlich nicht ein Haus, sondern das Terrassenbauwerk und seine Nutzung als Weinberg ins Zentrum zu rücken. 

  • 1 Die Bauten liegen hinter den Rankgerüsten versteckt. Vor allem der Turm zeigt sich. Spannt dern Raum diagonal mit dem Rebhaus auf.

  • 2 Das Hohe Haus. Oben mit einer Öffnung. Die Terrasse ist Voliere der Falknerei.

  • 3 Das Einfahrtstor

 

Ana Capri SchinkelLandhaus in Anacapri Karl Friedrich Schinkel, 1803 Alles ist durchtränkt von Sepia. Die Bauten scheinen aus Lehm gebaut. Massive Häuser, ein paar Pergolen und Rankgrüste.

Das Haus wurde vor gar nicht so langer Zeit gebaut. Eine undatierte Fotografie, vermutlich um 1911 zeigt den noch unverbauten Weinberg. Am Hangfuss stehen nur ein paar Hütten.

Das lies uns nach Wochen des Arbeitens mit dem Bestand den Rückbau wagen. Wir räumten den Hangfuss über die ganze Länge frei. Dann schlossen wir südlich mit einem höheren, turmartig aus der Mauer wachsenden Bau längs der Runs ab. Wie ein Pförtner steht das hohe Haus nun da und verankert den Hang. 

Zitronengärten Garda SeeZitronengarten am Gardasee

Wie Tempelreste beschreibt es Bernard Rudofsky. Dabei sind es Gewächshäuser beziehungsweise Rankhilfen für Zitronen. Die Lesbarkeit solcher Urtypen ist mannigfaltig. Daneben legten wir bewohbare Stützmauern. Die Zwischenräume füllten wir mit weinberankten Pergolen. Endlich rückte der Weinberg wirklich in den Vordergrund. Er öffnet sich als terrassierter Raum zwischen dem zwischen Turm- und Rebhaus, ziwschen dem am höchsten und dem tiefsten Punkt des Weinbergs. Es scheint als bräuchte es tatsächlich weniger eine architektonische Antwort, also ein Haus mit Fassaden, sondern eher einen verfeinerten Landschaftsbau. Wir merkten mit dem Ursprung aller Architektur antworten zu müssen, nah an der Urbarmachung und Kultivierung von Natur. Der architeketonsiche Ausdruck sollte anonym bleiben, irgendwie ungestaltet. Es ging um einen nutzbaren Garten, gesäumt von einem Natursteinfried und kräftigen Säulenstellungen. Wir bauen also weniger Häuser, denn einen Weinberg. Diese Idee wird sich auch durch alle noch folgenden Entscheide des Projektes ziehen. 

 

ModellEin Gipsmodell. Links im Turm: Eine Loggia. Rechts im Turm: Die Falknerei.

Ortsbau Der vor der Stützmauer und dem muralen Turmbau liegende Freiraum wird von einem Impluvium geteilt. Ein Regenwasser Reservoir also, das als Brunnen oder, ohne Wasser, als Platz genutzt werden kann. Es trennt den privaten Wohnteil von der öffentlichen Nutzung des grossen Platzes und kann jeweils mittels Türen und Vorhängen der einen oder anderen Seite zugeschlagen werden. Der neue Hof ist das kraftvolle Zentrum der Anlage. Ein freier Raum der Richtung Vorderglärnisch zeigt. Von hier aus bildet er eine fast perfekte Pyramide. Den Hof verstärken laterale Veranstaltungsräume. Ein kleiner Saal, die Saletta mit Kaminecke, dahinter ein Weinkeller, eine Garage die als ungeheizter Mehrzweckraum nutzbar ist.

Neben den prägenden Massivbauten fassen vor allem Kolonnaden den öffentlichen, umprogrammierten Ort. Keinen gängigen Funktionsräume also, sondern Orte des Austauschs, Markthalle, Agora und Inkubator. 

Loggien RudofskyLoggia: Ein alter Bestandteil volkstümlicher Architektur

Bernard Rudoskfy schreibt in Architektur ohne Architekten: 'Arkaden sind Architektur gewordene Nächstenliebe. Privateigentum, das einer ganzen Gemeinde gewidmet wird. Sie sind Ausdruck von Kollektivität und Gesellschaft.' Hier sind sie Pergolen und Rankgerüste. Sie kommen vom Weinberg hinunter, bis fast ins Dorf. 

Nutzung Neu werden vor allem Nutzungen für den Weinberg vorgesehen. Eine Abwartswohnung. Die Betreiber können sich so rund um die Uhr um den Betrieb und Unterhalt kümmern. Gäste können jederzeit empfangen werden.

 06 Grosser HofLinks das Impluvium, darüber das Bed & Breakfast. In der Garage steht eine lange Tafel für ein Fest.

Daneben liegt ein kleines Büro. Man will vor Ort sein und nicht ausser Haus arbeiten. Darüber liegen vermietbare B’n’B Zimmer. Den Hauptraum am Hof bildet die Garage. Sie ist nicht beheizbar, aber mit einem Doppelboden und gedämmten Toren ausgestattet. Darin können Veranstaltungen in den lauen Übergangsmonaten angeboten werden. Im Sommer bietet sie weit geöffnet Platz für eine lange Tafel oder einen Kinoabend in einer warmen Sommernacht.

Im Torhaus liegen erdgeschossig ein grosser Weinkeller, ein kleiner Saal, die Saletta mit Kamin. Darüber gibt es zwei, räumlich dichte, dennoch altersgerechte Wohnungen. Ganz oben liegt eine von aussen zugängliche Terrasse als Voliere. Hier wird eine Falknerei ihren Platz finden.

ImpluviumEin römisches Wassersammelbecken. Geflutet ein Brunnen, sonst ein kleiner Platz.

Nachhaltigkeit Vögel werden in den Mauernischen der Kalksteinwände nisten. Schwalben, Fledermäuse, Mauersegler und Insekten sollen ihren Platz haben. Nachhaltigkeit verstehen wir nicht als Floskel oder solitäre Forderung, sondern als ganz grundätzliche Grundlage des Entwurfs. Wir wollen aus der Natur und mit der Natur bauen.

07 Impluvium HöfliKleiner Hof oder Brunnen, je nachdem ob er gefüllt wird oder nicht. Er reguliert den Übergang vom grossen Hof zum Vorbericht der Betreiberwohnung. Darunter liegt eine Zisterne zur Regenwassersammlung.

Die Konstruktion wird zweischalig ausgeführt. Aussen mit In Situ prfabrizierten Trasskalk Elementen. Innen bauen wir eine offenporige Dämmung mit Misaporwänden. Die Konstruktion soll den Neubau möglichst nah an die bestehenden Natursteinmauern bringen. Nicht nur sollen die Wände im Winter schützen, sondern auch auf die ausgesetzte Sonnenlage reagieren. Mit Masse kann dem sommerlichen Wärmeschutz am Besten entsprochen werden. Mit Material aus dem Glarnerland (Kalkfabrik Netstal) wird die Grauenergie stark reduziert. Vordächer sind gleichzeitig Photovoltaik Anlagen. Sie werden nicht versteckt, sondern selbstverständlich in den Entwurf integriert. Bereits das Eingangstor überdeckt eine amorphe Anlage.

09 Wohnung im WeinbergDie Betreiberwohnung mit einem zweigeschossigen Wohnraum und hochformaitgem Fenster in Richtung Vorderglärnisch.. Im Hintergrund der Wiggis.

Das Erlebnis Weinberg ist nicht einfach ein touristisches Projekt, auch kein rein kultureller Hotspot und schon gar keine renditeträchtige Investition. Das Projekt Wiberg soll Beispiel sein für eine durch und durch nachhaltige Entwicklung, ein Pilotprojekt für besondere Bau- und Denkweisen. Mit dem Projekt Wiberg wollen wir das Glarnerland weiterbingen und für die Glarner Baukultur einen wichtigen Baustein schaffen. 

10 Laengsseite UntenDer Turm mit Falknerei. Die Mauern mit Nistlöchern für Mauersegler und Schwalben.

 

  • Weinberg Grundriss Obergeschoss
  • Weinberg-Grundriss-Parterre
  • Wienberg-Grundriss-Dach
  • Weinberg Grundriss Obergeschoss
  • Weinberg-Grundriss-Parterre
  • Wienberg-Grundriss-Dach

 

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Das Projekt ist ein Studienprojekt und von der Umsetzung noch weit entfernt. Fragen zum Projekt an die Betreiber über die Webseite: Weinberg 'Steirumpel'. Mitarbeit: Fabian Bisig, Martina Maurer, Benedikt Profanter Künstlerische Begleitung: Flurin Bisig

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