Laterne Ost

 

Bereits vor der ersten Begehung des Bauplatzes war anhand der Situation zu erahnen, dass dieser Ort in Unterägeri eine besondere Rolle spielt. Nicht nur die zentrale Lage, in der Nähe des Dorfplatzes, sondern bereits die besondere Abwicklung des Hauses mit seinen Aus- und Einbuchtungen zeigten wie sehr dieses Haus durch die Geschichte, durch seine Nachbarschaften und Beziehungen gestaltet wurde. Ein ‚vielseitiges‘ Konglomerat aus mehreren Häusern, aus vielen Richtungen und Fassaden, die kleine Plätze und Zwischenräume bilden.

 

Eine Bildfolge mit 28 Bildern, die einen kleinen, exemplarischen Einblick in unsere Arbeitsweise gibt. Es zeigt wie breit wir den Entwurf abstützen wollen. Wie wir den Blickwinkel zu Gunsten eines gesamtheitlichen Blicks stets zu ändern versuchen.

  • 1 Ein Bild fällt mir in die Hände, ein Aquarell eines lokalen Künstlers, Habermacher Franz 'Unteraegeri Lorze'. Die Stimmung am Fluss mit den Booten gefällt mir. ‚Californication‘?

  • 2 Der Bestand mit dem ehemaligen Restaurant Frohsinn. Rückbau oder Umbau? Wieso nicht ein ähnlicher Neubau?

  • 3 Die Situation nach erfolgtem Rückbau. Eine kleine Brücke führt über die Lorze am Haus vorbei.

  • 4 Analyse nach Baugesetz: Wir heben den Bestand um 3m auf einen Sockel. Maximal ausgenützt. No Design.

  • 5 In dem Kontext der Bauernhäuser im Dorfkern könnte man das System ‚Strickbau‘ anders weiterdenken; mit vertikalen statt liegenden Bohlen. Top-Wall.

  • 6 Es ist einfach und günstig. Schnittholz aus Weisstannenbohlen, 10 x 20 cm. Sie tragen die Decken. Bereits formen sich erste Stimmungsbilder. Ein rohes Haus wird es sein.

  • 7 Ein Schnitt duch den Bestand. Der Sockel greift nur wenig in den wenig tragfähigen Boden.

  • 8 Schnitt nach Baureglement. Ca. ein Stockwerk mehr sind möglich.

  • 9 Schnitt ohne Baureglement. Das Erdgeschoss liegt ca. 2 m über dem Terrain. Für den Ort, in diesem Kontext und im Überschwemmungsgebiet der Lorze ist das durchaus plausibel. Das Haus wirkt besser integriert. Das Erdgeschoss wird Hochparterre. Die Denkmalpflege und die Gemeinde unterstützen uns.

  • 10 Auf der Suche nach schönen, alten Häusern, nach Referenzen, Stimmungen, nach einem Charakter durchstreifen wir das Dorf. Wir unternehmen viele Spaziergänge: Was macht Unterägeri aus. Was ist dessen Wesen?

  • 11 Ein Platz in Aix en Provence. Er begleitet mich schon lange. Auch Fernand Pouillon hat ihn schon einmal detailiert mit seinen Studierenden abgezeichnet. Vielleicht schaffen meine Ecken am Haus ähnlich gute Plätze. Vielleicht wirkt meine Haus ähnlich offen und stattlich zugleich.

  • 12 Eines der typischen Häuser in der Nachbarschaft. Vom Bauernhaus zum Bürgerhaus. 

    Einen Stock höher. Eine schnelle Collage in Photoshop. Die Proportionen sind immer noch gut, vielleicht sogar besser. Der Giebel wird stattlicher, das Haus. wirkt städtischer. 

  • 13 Es folgen Sonnenstudien. Ein Bild für jede Stunde. Werden die Nachbarn verschattet? Wie sieht es mit der Strasse aus? 

    Der Sonnenstand um 08:00 morgens und um 17:00 abends.

  • 14 Trotz der Sonnenstudie soll es ein Haus ohne Rücken im Norden werden. Das ist mir stets wichtig. Das Haus soll sich an keiner Stelle vom Dorf abwenden. Keine Fassade soll nur mit Treppenhaus und Wc bespielt werden. Es soll nie ein ‚Hinten‘ geben, nur viele ‚Vorne‘, zum Wasser, zu den Bäumen und zum Dorf.

  • 15 Es soll auch ein farbiges Haus werden, irgendwie geschuppt, geschindelt. Eternit? Das Dorf zerfällt. Vielleicht muss ich bei hölzernen Schindeln bleiben. Die Hoolzhäuser werden immer weniger.

  • 16 Es soll sich mit den Nachbarn gut verstehen. Mit ihren Farben und Materialien neu gebaut sein. Irgendwie ähnlich sein und doch weiter entwickelt sein, zeitgenössisch und eigenständig.

  • 17 Das Nachbarhaus. Meine Farb- und Materialreferenz. Mehr unbekümmert gemacht, als entworfen.

  • 18 Das Türmlihaus kennt jeder in Unterägeri. Die Fasnachts-Deko wirkt feierlich. Vermutlich ist es eines der bekanntesten, prägendsten Gebäude des Dorfes. Wäre das so etwas wie ein Stück ‚Identität‘, dieser Turm? Kann man daraus etwas Typisches stricken?

  • 19 Kann man den Turm weiterdenken? Als eine Art Laterne, Laube, Loggienersatz und Stube? Balkone sind hier nicht erlaubt, Loggien zerstören das Volumen. Ich weiss, um Typisches zu schaffen muss ich zuerst Spezifisches entwerfen. Ich denke: Wer braucht heute noch Wohnzimmer. Wer schaut noch TV? darf ich das hier hinterfragen?

  • 20 Meine Antwort. Eine Ecklaterne mit Ausstellmarkisen. Flächenversetzte Fenster schaffen Privatheit und hochwertige Fenster. Sie werden fast zu einem Möbel. Sie erinnern mit an das Fischer Haus von Kahn, natürlich viel einfacher, ohen Sitzbank, aber immerhin räumlich.

  • 21 Die Ecklaterne, Laube, Loggienersatz und Stube gleichermassen im Inneren. Ich sah in Studien wie wenig das Wohnzimmer genutzt wird. Wichtigster Ort in Wohnungen und Häusern bleibt die ‚Kommandozentrale‘: Die Küche. Vor allem für die Bewohner für die ich mir vorstelle zu bauen. Kein Tesla in der Garage, keine Tepanyaki Küche.

  • 22 Das Arbeitsmodell wird angepasst. Ist die Behauptung mit den Ecklaternen auch verträglich, stimmig? Geht das?

  • 23 Meine Konstruktion sagte: 'Rohbau gleich Ausbau' Es gibt keinen Trockenbau, keine alpinweisen verputzen Wände, keine Downlights in der Decke. Der Ausdruck ist rauh, roh, gedämpft, die Mieten tief. Nicht jeder wird hier wohnen wollen. Das ist gut so.

  • 24 Das Brückchen verbindet die Dorfteile. Die Nordost-Ecke wird ein wichtiger Kreuzungspunkt.

  • 25 Daher wird das kleine Plätzchen für den Aufenthalt möbliert. Eine Linde oder Weide kragt in die Kreuzung. Dazu ein mehrteiliger Brunnen auf dem Kiesplatz mit festen Bänken und wenigen, leichten Stühlen dazu. Der Eingang liegt höher. Ein überdachtes, solides Betonschild mit Briefkastenanlage formt die Adresse.

  • 26 Die Wohnungen orinentieren sich jeweils diagonal über die Ecklaternen. Das Esszimmer ist im Vergleich mit landläufigen Wohnungen riesig. Eine fest eingebaute Couch trennt die kleine Laternenstube. Am Tisch sitzt man länger als nur zum Essen. Die Stühle am Tisch sind daher mit gepolsterten, tiefen und gemütlichen Lehnen ausgestattet. Wer nicht mehr sitzen mag nutzt die Couchnische, den Alkoven, meinen Lieblingsplatz.

  • 27 Die bestenden Bäume, Magnolie, Lärche und Weisserle bleiben erhalten. Spärlich gesetzte Buchenhecken und Weissdorne trennen die Gartenräume. Wir plästern um das Haus die Fehlstellen und den Weg zur Lorze. Eine Weide kommt an das neue Plätzchen. Die Art wie ihre Äste hängen fassen den Raum um den Brunnen gut, fast wie eine Haube.

  • 28 Ein Satz der mich seit längerem begleitet. Aus ,Das sanfte Gesetz in der Kunst’ von Paul Schmitthenner, eine Rede anlässlich der Verleihung des Erwin von Steinbach Preises, 1941 Ich schliesse daraus, es geht bei solchen Bauaufgaben wie hier, in keinster Weise darum welche Vorlieben wir in uns tragen, sondern allein darum was der Ort bedarf. Dazu will ich Sorge tragen.

Später, beim Besuch des Dorfes wirkte der Ort in der hinteren Reihe, abseits der vielbefahrenen Durchgangsstrasse, unerwartet still und ruhig.  Obwohl die nördlichen Nachbarn heute teils fahle Rückseiten zeigen und die eigentlich schönen Zwischenräume zunehmends zu Parkplätzen verkommen, bemerkt man doch die seit langem angelegten, aussenräumlichen Qualitäten, die Beziehung der Häuser aufeinander. Vor allem die Lorze, strassenseitig von grossen Bäumen gesäumt, stimmt den Ort besonders, ja idyllisch. 

 

Innen Laterne

 

Die Häuser auf der gegenüberlegenden Seite der Lorze sind bereits um einiges höher als der Bestand auf unserer Seite gebaut. Die Entwicklung geht auch im Dorfkern weiter. Die heutigen Häuser sind keine Strickbauten mehr für Selbstversorger und einzelne Familien, sondern mehrstöckige Mietshäuser für unterschiedliche Parteien. Auch unser Haus wird höher, steht auf einem betonierten Sockel und wendet sich offen allen Himmelsrichtungen zu. Auf Balkone und Loggien muss wegen des Baureglements verzichtet werden. Eine Art 'Laterne' mit Rankgerüst übernimmt diese Aufgabe. Es ordnet das Haus ein, gibt ihm Orientierung und vermittelt den Höhenmassstab am Übergang zu den weniger hohen Nachbarbauten. Ein bisschen scheint es so als würde das Haus in die Nachbarschaft grüssen. 

 

Eingang Norden

 

Fussgänger aus dem Quartier kürzen über das Brücklein den Weg ins Dorfzentrum ab. Kinder spielen hier. Es gilt den Ort weiter zu beleben, weiter zu stärken, Angebote zu schaffen. Eine Weide, ein Natursteinbrunnen, lange massive Bänke am Eingang. 

Innen Erdgeschoss

 

Das Zentrum der Wohnungen besetzt jeweils eine sehr grosszügige Essküche. Die Räume orientieren sich in der Diagonale vom Eingang über den Küchenblock bis zur hellen Laterne. Sie ist nicht nur Loggiaersatz und Stube, sondern auch hilfreich um auf Gauben oder andere Dachöffnungen verzichten zu können. Im Dorfzentrum gibt es bereits das Türmlihus, das uns die Türe zu dieser besonderen Lösung öffnete.

Frohsinn Material

Studien zeigten, dass die Nutzung des Wohnzimmers kaum den oft grossen Flächenverbrauch rechtfertigt. Vor allem die Küche, als 'Kommandozentrale' ist weitaus wichtiger und hoch frequentierter Ort in einer Familienwohnungen. Wir kombinieren daher die grosse Essküche mit einer Sofaecke zu Lasten einer nun etwas kleineren Stube. Das Haus zudem als vertikalen Strickbau zu denken, den Rohbau bereits als Ausbau zu belassen, also auf Trockenbau und Putzflächen zu verzichten, sorgt ebenfalls dafür, dass eher mittelständisches Klientel angesprochen wird. Holz und Beton prägen den Ausdruck. Farbige Fenster und Türen stimmen die Atmosphäre unkonventionell. 

 

Grundriss 

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Auftrag nach privatem Einladungsverfahren: Mehrfamilienhaus in Unterägeri, Projektleitung und Ausführung Martina Maurer, Projektleitung Bauprojekt und prov. Ausführungsplanung Reto Fuchs, Mitarbeit Entwurf: Stephanie Stratmann, Bauleitung durch Widmer und Partner Ag, Zug

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