Visu Steg Glarus

ARCHITEKT Will man sehr bildlich sprechen, kann der neue Steg, genau wie Glarus selbst, als 'Preziose' zwischen Bergmassiven gelesen werden. Zwei massive Widerlager präsentieren das hölzerne Schmuckstück dazwischen. Eine Betondecke darüber schützt nicht nur das Holzbauteil darunter, sondern erhöht die Tragkraft im Verbund. Es entsteht ein eleganter Brückensteg, mit teils hölzernem Handlauf, als Passstück für die Kantonshauptstadt Glarus. Unseres Wissens wurde eine derartig konstruierte Verbundbrücke in der Schweiz noch nie realisiert.

Der neue Steg spannt zwischen dem Vorplatz des Buffets am Bahnhof Glarus und dem Weinberg ‚Steirumpler‘. Die Sichtachsen wandern tief in die Ortschaft Glarus und auf die nach Süden abfallenden Hügelbänder hinter Ennentbühl. Gleichzeitig wird durch die konsequente Ost-West Ausrichtung der Blick ins südliche Tal freigegeben. Dass die Lage der Brücke zufällig auch gleichzeitig Winkelhalbierende der bestehenden Verbindungen nach Ennenda und Ennetbühls ist, bestärkt den getroffenen Entscheid. Es wird vermieden frontal auf die Fassade des Bahnhofs abzuzielen. Der Steg wird der städtebaulichen Ordnungen beiderseits der Linth entbunden. Er wird vielmehr Teil des Glarner Landschaftsraums und dessen zukünftigen, noch unbekannten Stadtraums.

Beim Bahnhof wird das Anschlussbauwerk stark komprimiert. Ein kräftiges Widerlager mit kleiner Kanzel ist Startpunkt für die Entwicklung des Stegs, der elegant nach Ennetbühls ausschwingt.

Von Oben Steg Glarus

LANDSCHAFTSARCHITEKT Heute gibt sich die Linth gebändigt. Ihr linkes Ufer wird von einer doppelten Obstbaumreihe begleitet, deren Schatten zum Spazieren einlädt. Das Hochwasserschutzprojekt bringt ein neues Bild: eine der Natur nachempfundene Gestaltung, welche wir im direkten Umfeld des Flusses bejahen und auf den Dammwegen - dem Terrain des trockenen Flusses - wieder mit einer Obstbaumreihe ergänzen möchten.

Der neue Linth Steg wird Ennetbühls und Glarus besser verbinden und die kantonalen Fuss- und Wegeverbindungen ergänzen. Diese Aufgabe teilt er sich mit der neuen SBB-Unterführung. Für den Steg wird eine leicht ausgedrehte Achse vorgeschlagen; motiviert einerseits durch die direkteste, sinnfällige Führung vom Bahnhofplatz auf die Ennetbühlerstrasse, andererseits durch die weiten Blickbezüge auf den „Steirumpler“ Weinberg und den Glarner Ortskern. Der kleine, kanzelartige Versatz am Auflager Seite Bahnhof lädt ein die Blicke zu geniessen und bereitet Velofahrer zum Bremsen vor, damit sie den Dammweg sicher kreuzen. 

Auf der Seite Glarus wird als erster Realisierungsschritt die Verschwenkung des Uferweges im Bereich Waggonremise bis Telekommunikationsanlage gemäss Hochwasserschutzprojekt vorgeschlagen. So kann landseitig bereits jetzt die definitive Gestaltung des Remisen-Vorplatzes erfolgen; flussseitg kann ausser im Auflagerbereich die jetzige Ufergestaltung bestehen bleiben. 

Situation Abstimmung

Auf Seite Ennetbühls wird erst mit der Realisierung des Hochwasserschutzes eine Anpassung des Wegenetzes vorgeschlagen. Sie dient der Vorstrukturierung der Unteren Allmeind: Eine (kurze) Promenade auf dem Damm analog dem linken Ufer unterstreicht die Zusammengehörigkeit. Ein schmaler Weg entlang des Mühlebachs sichert diesen identitätsstiftenden Raum für die Bewohner des neuen Quartiers.

Steg Linth Querschnitt 

INGENIEUR Der Linth Steg soll ohne Montageabstützungen in der Linth erstellt werden können. Ein integrales Bauwerk ohne Fugen und Lager. Durch die Wahl von Holz als Konstruktionsmaterial wird ein leistungsfähiger, natürlicher Rohstoff aus heimischen Wäldern verwendet, dessen Verhältnis von Gewicht zu Festigkeit weitaus besser als das von Beton und Stahl ist. Zudem verweist er auf die weitbekannte Holzbautradition der Region, welche sich unter anderem in den Hänggitürmen und dem Möbelbau zeigen.

Somit entwickelte sich der Linth Steg als Holz-Beton-Verbund Träger aus drei gleichen BSH Trägern (Fichtenholz der Gemeinde Glarus), welche mit einer schubfest angeschlossenen, dünnen Betonplatte als Fahrbahn verbunden sind. Für die konstruktive Verbindung zwischen Beton und BSH Trägern werden 5cm tiefe Kerven quer zur Trägerachse gefräst und beim Betonieren der Betonplatte formschlüssig vergossen. Der Verbundträger hängt zwischen den beiden vorgespannten, aus den Widerlagern auskragenden, Stahlbetonkonsolen über etwa 28m. Die Holzquerschnitte werden an ihren Enden durch eingeklebte Bewehrungsstähle im Betonquerschnitt gelagert (indirekte Lagerung).

Durch die Einspannung des Überbaus in den Widerlagern wird eine Schlankheit von L/35 erreicht. Der Brückenträger im Längsschnitt folgt dem sich parabelförmig einstellenden Momentenverlauf und weist eine Höhe von 1.25m in Feldmitte und 0.6m im Wechsel zum reinen Betonquerschnitt auf. Dem Momentenverlauf entsprechend erhöht sich der Betonquerschnitt zum Widerlager hin.

Situation Steg Glarus

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Eingeladener Wettbewerb. 1. Preis. Wir arbeiteten im Team mit Dr. Uwe Teutsch, tragstatur Bauingenieure GmbH, Ermatingen (Schwerpunkt Konzeption) und Dr. Andreas Galmarini, WaltGalmarini AG ,  Zürich (Schwerpunkt Realisation) sowie Lorenz Eugster Landschaftsarchitektur und Städtebau GmbH, Zürich

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Aus dem Jurybericht: Der Entwurf zeichnet sich durch eine ruhige und selbstverständliche Formgebung aus, welche das Ereignis der Flussüberquerung für Fussgänger und Velofahrer mit einer einfachen Strassenüberquerung vergleichen lässt und so auf unspektakuläre Weise die Sicht über den Flussraum und die umgebende Bergkulisse freigibt. Auf den ersten Blick erscheint die Brücke ohne formale Inszenierung der Uferkanten und ohne zeichenhafte Manifestation der Wegverbindung. Erst auf den zweiten Blick gibt Sie das Geheimnis ihrer eleganten Schönheit zögernd preis und offenbart durch dezente Hinweise in der Brückenmitte mittels haptisch differenzierter Geländerausbildung die hinter der leicht geschwungenen Linienführung verborgene Besonderheit der Konstruktion: Die innovative und ingenieurtechnisch ambitionierte Holz-Beton-Verbundkonstruktion ist auf diese Weise einzigartig und vermag dadurch nicht nur formal, sondern auch inhaltlich auf einem hohen Niveau mitzuhalten. Sie hat das grosse Potential, an dieser Stelle einen Ort mit einer unverwechselbaren Identität zu schaffen, welcher nicht nur die Verbindung des politischen und kulturellen Zentrums des Kantons mit dem sich immer näher und dichter heranwachsenden Ennetbühls und Ennenda auf urbaner Ebene ausbildet, sondern zugleich auch einen ambitionierten Beitrag zu einer individuellen Glarner Baukultur leisten kann.

Die urbane Brücke zeichnet sich dadurch aus, nicht nur zwei Verkehrswege linear miteinander zu verbinden, sondern zwei Orte miteinander in Beziehung zu setzen und damit auch diesen eine neue Bedeutung zu geben. Die gewählte Lage und Ausrichtung des Brückenverlaufes sowie die aufgezeigte Wegführung und anschliessende Platzgestaltung möchte inhaltlich mehr sein, als eine formale Verbindung zwischen zwei Hochwasserschutzbauten und überzeugt die Jury daher in seiner Kernaussage, diese Qualität auch in der weiteren Bearbeitung des Entwurfes unter Berücksichtigung der im Verfahren gewonnenen Erkenntnisse in den Bereichen Landschaftsarchitektur im Flussraum und der Freiraumplanung einer zukünftigen städtebaulichen Entwicklung auf beiden Seiten der Linth beibehalten zu können. Die neue Brücke soll somit primär als Teil des zukünftig entstehenden Stadtraumes gedacht und gelesen werden, welcher es auf vielschichtige Art und Weise vermag, die beiden Ortsteile und deren Bewohner angemessen miteinander in Beziehung zu setzen.

Modell Steg Glarus 2 

Modell Steg Glarus 2

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