Aesop Legende

Der Hintergrund wird bis ins nahezu unkenntlich Schwarze abgedunkelt. Der Kontrast wird erhöht. Wichtiges und Unwichtiges unterscheiden sich. Die ganze Aufmerksamkeit richtet sich nun auf die abzubildende Person. Das Licht wird so auf das Gesicht gerichtet und feinjustiert, dass der Charakter deutlich wird, mehr wiegt als ein bloses Abbild. Jetzt kommt das Wesen der Person zur Geltung, wird ins rechte Licht gerückt. Unwichtiges verschwindet im Halbdunkel, Verborgenes wird sichtbar, Wesentliches wird offensichtlich.

 

Heimat, Lesbarkeit, Charakteristik Heimat. Heimat ist eine Beziehungsfrage. Ein Entscheid. Vielleicht für manche auch ein Hineingeborenwerden, Prägung, Sozialisierung und Herkunft. Für mich, als Bayer, aus dem tiefsten Niederbayern, bei Passau, jemand der seit gut 20 Jahren unterwegs und nicht mehr zu Hause ist, für jemand, der sich nun als Glarner fühlt, bedeutet Heimat auch, sich zu entscheiden, eine Art Zuständigkeit und Fürsorge zuzulassen, zu erkennen wie gerne man in diesem Landstrich lebt, wie wichtig er einem wird. Ich denke also Heimat stellt sich erst nach längerer Zeit ein, wenn man genug an einem Ort erlebt hat, eine Beziehung dazu aufgebaut hat, genug positives an dem Ort erlebt hat. So kann einem ein Ort zur Heimat werden, so wie manche auch sagen, dass ihnen ein Mensch zur Heimat wurde.

Rem Koolhaas, glaube ich, schrieb einmal Flughäfen seien seine Heimat. Das passt. Es schmälert den Heimatbegriff nicht, sondern sagt mehr über die Lebenswelten eines Vielreisenden.

Vielleicht ist der Vergleich riskant, aber ich denke man verliebt sich in Menschen wie in Orte. Es gibt Orte, die es eher zulassen, sich zu verlieben.  Man verliebt sich eher in Charakteristisches, Einzigartiges, Authentisches. Für mich ist das als Architekt sehr interessant. Kann ich Heimat bauen, kann ich Charakteristisches, Einzigartiges, Authentisches entwerfen?

Ich weiss nicht, ob es mir gelingt. Ich konnte es noch nicht beweisen. Meine Bauten sind erst am entstehen, aber ich hatte etwas Zeit darüber nachzudenken. Die Erkenntnis ist eine Einfache, nur nicht einfach umzusetzen, weil ich sehr genau hinhören, hinschauen muss, um überhaupt zu verstehen, was die Frage ist, um dann antworten zu können. Es ist gar nicht so wichtig was mir gefällt, was ich mag. Ich möchte nie meine eigenen Ideen darüber stülpen, oktroyieren. Viel wichtiger erscheint mir zu spüren, welche Qualitäten vorhanden sind, welche ich herausschälen kann, welche ich entwickeln und entwerfen kann. Was will dieser Ort sein. So denke ich das Wort ‚ent-werfen’ wirklich verstanden zu haben.

Ich empfinde den Prozess, als hätte ich ein Kind vor mir. Ich versuche nicht meine Vorstellungen und Idee zu oktroyieren, sondern nur sanft und bestimmt zugleich zu lenken, bestehende Qualitäten zu unterstützen, zu entwickeln. Das Kind soll das werden was es sein und werden will. Genauso entstehen auch Orte, die das werden sollen, was in ihnen bereits angelegt ist. Sie werden ganz von selbst einzigartig und besonders. Orte, in die man sich verliebt. Orte, die einem, wenn man es denn zulässt, Heimat werden können.

 

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in KARTON, Architektur im Alltag der Zentralschweiz, Nummer 37 * September 16, «Heimaten bauen»

 

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