Für das Architekturmagazin Modulør stellten wir uns den gar nicht einfach zu beantwortenden Interviewfragen von Marco Sauer. Hier das Original, der im Mai 2018 publizierten, gestrafften Version.

 

Welche Aufgaben beschäftigen Sie gerade? Derzeit beschäftigen mich Reparaturen von Dorfkernen. Wir bauen inmitten der historischen Zentren von Zug und Unterägeri neue Mehrfamilienhäuser. Mit Studierenden denken wir etwas freier über ähnliche Fragestellungen nach: Wie kann man in geschichtlich aufgeladenen Zentren bauen, wenn sie sich doch zunehmend leeren und gleichzeitig zu Identitätsträgern avancieren? Daneben sanieren wir das Krematorium in Zürich. Die ursprünglich rein technisch gestimmte Ofenhalle wird für Hinterbliebene zugänglich gemacht. Der Abschied endet also nicht mehr bei der Abdankung, sondern für manche erst vor dem Ofen. Solche Widersprüchlichkeiten lieben wir.

 

Welches architektonische Werk hat Sie kürzlich begeistert? Meine Arbeit bewegt sich nah am Vernakulären. Insofern liegt begeisternde Architektur nicht gerade im Zentrum meines Interesses. Es bewegen mich eher Arbeiten, die sich zurücknehmen, die die Ikonografie einer Stadt höher gewichten als die Ikonografie eines Einzelbaus. Das finde ich gross. Ein paar berührende und lehrreiche Fundstücke einer kürzlichen Recherche mit Studierenden möchte ich aber nicht vorenthalten: Einen Pool aus den 1970er Jahren von Alain Capeilleres an der Cote d’Azur, die Piscinas de Marés von Alvaro Siza und – mir bisher völlig unbekannt – die Termas Geometricas im dichten chilenischen Dschungel von Germàn del Sol. Bei allen berührte mich der kontrastreiche Umgang mit der Natur. So ein Bad zu machen, das würde ich gerne einmal.

 

Inwiefern unterstützen oder behindern neuartige Materialien die Architektursprache? Materialien und ihre Qualitäten bewerte ich nicht mit schlecht oder gut. Erst beim Einsatz bewerte ich ob ihre Qualitäten bestmöglich zur Geltung kommen. Vielleicht neigen neuartige Materialien künstlicher und damit lebloser zu wirken. Stellen Sie sich aber vor durchsichtige, weiche Silikonauflagen auf eine grob gesägte Holzbank zu legen, Synthetisches mit Natürlichem zu kollidieren. Danke der Gegensätzlichkeit wird das dann grossartig – wie kaltes Vanilleeis mit heissen Himbeeren.  

Interview Modulor WEB

Haben Sie eine Idee von Schönheit? Etiketten wie schön und weniger schön zielen auf Geschmacksfragen ab. Daher vermeide ich solche Bgrifflichkeiten. Sie sind hinderlich. Ich behaupte tiefe Schönheit  braucht fünf Zutaten: Ausser – Gewöhnlichkeit um wahrgenommen zu werden, Ordinanz und Kohärenz um verstanden und glaubhaft zu werden, Grossartigkeit um Bedeutung zu erlangen, Mimesis um zu berühren. 

Leider wird Schönheit landläufig mit Superlativen gleichgesetzt. In der Art wie ‚ganz schön‘ hoch, also ‚besonders‘ hoch oder höher als gewöhnlich. Dieses «Ausserhalb» des Gewöhnlichen greift leider wie ein schäbiger Effekt zu kurz. Schönheit weist weit darüber hinaus. Wer etwas oder jemanden liebt weiss was ich meine. Kontemplative Ruhe kann helfen die Augen dafür zu öffnen und Schönheit im gewöhnlichen Alltag, so ganz ohne Brimborium, zu erfahren. Das finde ich eigentlich am Stärksten – aber auch am Schwierigsten zu schaffen. Schönheit ist halt schon ein scheues Reh. 

Wann wird ein Gebäude zu Architektur? Architektur ist gebaute Intention. Heute spreche ich daher nicht mehr von Konzepten, sondern von Intentionen, denn Konzepte sind ohne Absicht und damit sinnfrei. Ich versuche stets nach einem Grund, nach einer inneren Vorstellung, dem Gebrauch oder einer zu Grunde liegenden Lebenswelt zu fragen. Konzepte sind für mich Kommunikationsmittel, um mit einem Bauingenieur über ein Tragwerkskonzepte zu sprechen. Intentionen, aber fragen nach dem warum, nach der Haltung und damit auch nach einem tiefen Verständnis, das man mittels steter Fragestellungen mühevoll erarbeitet. Architektur ist daher Antwort mit gedanklicher Schärfe, Ausdruck von Kultur und Verfeinerung. Als Sprache, die durchaus eloquent und lustvoll sein darf, distanziert sie sich vom sinnfreien, «konzeptionellen» Geplapper. Daher konstatiere ich: Wer nichts zu sagen hat, der soll nicht bauen. Gebautes Geplapper gibt es genug. 

Welche Tugenden sollte ein Architekt erfüllen? Geplapper vermeiden und mitunter Bauherren davor bewahren was sie wollen. Wer anbietet die Träume von Bauherren zu erfüllen, dem würde ich raten sie vor ihren Träumen lieber zu bewahren. Die Welt würde besser. 

Welche Rolle spielen Architektinnen und Architekten in der Gesellschaft? Ich meine, sie spielen kaum eine. Die Architektenschaft hat sich weiter marginalisiert. Die grossen Bauproduktionen fanden und finden ohne sie statt. Sie arbeitet an intellektueller Strahlkraft, wenig für gesellschaftliche Relevanz. Ich fahre oft über Schindellegi am Zürichsee enlang in Richtung Luzern. Ich weiss wovon ich rede. Die fehlende Sorgfalt und Handwerklichkeit stimmen mich traurig.

Welche Rolle sollte heute die Politik gegenüber der Architektur spielen? Politik sollte Architektur ermöglich, den kulturellen Boden dafür bereiten. Genauso gilt das anders herum. Wir sollten uns, vor allem ausserhalb der Städte, ohne Scheu vor mächtigen Lobbys für unsere Baukultur in Vereinen, Gesprächen und Kommissionen einsetzen.

Kann Architektur die Welt verbessern? Verschlechtern sicher. Verbessern? Vielleicht noch mit schönen Häusern? Daran glaube ich nicht. Ich mag Architektur dann am liebsten, wenn sie Ausdruck gemeinsamer Kultur ist, wenn viele am gleichen Strang ziehen. Dann denke ich ist Architektur Ausdruck einer besseren, gemeinsamen Welt. Da bin ich Romantiker. Das kann ein Ensemble sein, ein schöner Strassenzug mit Häusern im Schulterschluss, aber auch ein raumfüllender Protagonist mit Publikum. Diese in der Architektur latenten Ebenen von Gesellschaft, insbesondere von Gemeinsinn und Selbstbeschränkung berühren mich. Selbstbezogene Bauten und apathische Klumpen betrüben mich.

 

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Fragen VIS-A-VIS für das Architekturmagazin Modulør, Fragen von Marco Sauer, Ausgabe 03/2018

 

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