Heike Biechteler bat für ihr Buchprojekt 'Symposium für Architekturpädagogiken' darum 'Romantik' zu erklären. Schwierig fand ich. Mein augenzwinkernder Versuch mittels eines erfundenen Dialogs, der schlussendlich doch zum Kern kommt, was ich unter Ausbildung zum Architekten und zur Architektin verstehe: Architekten sollten Punks sein.

Schweifgiebel Nacht Ennenda

...Romantiker wollen doch die Welt romantisieren, dem Alltag Besonderes abtrotzen, oder? Sie sehnen sich nach Aufregung und Abenteuer. Sie schwärmen für Poesie und Berührtheit.

Kitsch Also, Du denkst an so kitschige Bilder wie das gemeinsame Glas Wein bei Sonnenuntergang statt den TV Abend? Den selbstgepflückten Blumenstrauss von der Bergwiese statt den von der Tanke? So was wie den naivromantischen Traum werdender Eltern aufs Land zu ziehen – gar von Zürich nach Glarus? 

Nunja, Romantiker zu sein, könnte weniger kitschig trotzdem meinen, sich ausserhalb des gewöhnlichen Alltags zu bewegen, also das «Ausser» - Gewöhnliche zu suchen und Konventionen aufzubrechen. Romantiker, so meine ich, bevorzugen eher Brüchiges, Fragmentarisches. Sie schwimmen eher gegen als mit dem Strom. Sie sind Individualisten mit vielen Fragen und offenen Antworten. 

Individualist Ach so. Du meinst sie wollen Teil einer Gegenbewegung sein? Wenn also ein Hund auf den Teppich kackt, findest du das dann auch contra und irgendwie romantisch? Sind Romantiker folglich Punks? Freaks?

In gewisser Weise? Vielleicht? Sie suchten ja bereits in der romantischen Epoche und vermutlich auch heute eine Gegenwelt, zur Vernunft, zur Klassik, zu Konventionen. Sie setzen sich ihrer Zerrissenheit und Subjektivität eher aus, als diese zu unterdrücken. Sie arbeiten an ihrer Persönlichkeit und ihrer Identität.  

Träumer Aha, die kenne ich! Die stellen immer schwierige Fragen. Sie glauben kaum etwas was ihnen erzählt wird. Sie hinterfragen Tendenzen und misstrauen stets dem Konsens. Das muss sicher anstrengend und schwierig auszuhalten für sie sein, weil sie sich damit selbst ausgrenzen und als Utopisten abstempeln. Sie setzen sich unermüdlich für Sehnsüchte ein, die nicht einlösbar sind, zumindest meistens – oder kaum umsetzbar. Ein Kräfteverschleiss.

Irgendwie so, ja. Romantiker sind 'Believer'. Sie glauben an ihre Träume. Architekten sollten Träumer sein, denke ich. 

Punk Du behauptest also Architekten sollten Romantiker oder Punks sein?

Ja, so ungefähr glaube ich. Architekten sollten wohl Punks sein.

 

 

  « Die Arbeit an der Philosophie ist - wie vielfach die Arbeit in der Architektur - eigentlich mehr die Arbeit an einem selbst. An der eigenen Auffassung, daran wie man die Dinge sieht » Ludwig Wittgenstein

 

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Frage von Heike Beichteler für das Buch Architekturpädagogiken.

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