Architektur! Die Mutter aller Künste. Marcus Vitruvius Pollio behauptete das frech etwa 100 Jahre v. Chr. Recht hat er, der Vitruv. Wir Architekten können einfach A l l e s – nur nichts richtig. Mit Halbwissen reden wir überall mit. Dabei haben wir kaum praktische Bauerfahrung und zeichnen schon lange weder Tragwerks- noch Elektropläne. Gebäudetechnik inklusive Bauphysik delegieren wir. Städtebau und Raumplanung machen andere. Wozu also braucht es uns? Allein: ‚Architektenhaus‘ Da argwöhnt man schon unpraktischen Gestaltungswillen. Es klingt nach Schimpfwort.

Gegenfrage: Wird ein Orchester besser von der Ersten Geige oder von einem Dirigenten geführt? Bedingt das Dirigieren musikalische Virtuosität? Dirigentinnen und Dirigenten vereinen Bläser, Streicher und Schlagwerker zum kunstvollen Klangbild, interpretieren die Partitur, bestimmen Tempi und Einsätze. Die Arbeitsteilung diversifiziert die Bauerei ähnlich. Nur eine Art architektonischer Dirigent bringt sämtliche Beteiligte dazu am gleichen Strick zu ziehen. Man verständigt sich mittels Konzepten von Grundriss, Tragwerks- und Infrastruktur ohne über das jeweilige Expertenwissen des Anderen verfügen zu müssen. Erst durch die übergeordnete Position werden grundverschiedene, oft gar paradoxe Anforderungen, zu einer gemeinsam getragenen Vorstellung und Vision verwoben. So erst entsteht Sinnvolles.

Würde lediglich Bauherrenwünschen entsprochen, oder im grösseren Massstab sogenannte ‚Anspruchsgruppen‘ ohne eine gemeinsame Vision moderiert, dann wäre das so, als würden wahllos Buchstaben gesammelt ohne den nötigen Anspruch Worte daraus bilden zu wollen. Wechstaben würden lustig verbuchselt. Sinnhaftes läge ausser Reichweite. Statt einer Symphonie erhielten wir eine Kakophonie. Bei Bauten bzw. Orten verhält es sich gleich. Ohne eine starke Idee, wie sie zum Beispiel für den Weinort Fläsch entwickelt wurde, entstünden reizlose Orte wie so viele in den letzten Jahren. Ansprüche an den Komfort werden zwar erfüllt, doch langfristig tragende Entwicklungen bleiben aus, weil Zugeständnisse für dringend anstehende Veränderungen von Betroffenen verweigert werden. Wozu etwas geben, wenn man nicht versteht wofür. Für den Komfort von anderen? Eher nein. Doch solch müde Denkweisen sind landläufige Realität – und langfristige Bürde.

Unsere Umwelt gestalten nur zum geringen Teil Architektinnen und Architekten. Eher bestimmen die Lage von Coop und Migros städtebauliche Entwicklungen, genauso wie S-Bahnen Anschlüsse künftige Siedlungsentwicklungen steuern. Gemixt mit romantischen Landhausträumen und begehbaren Rentenvorsorgen prägen wir unsere Landschaft, und zwar nachhaltig. Die für Jahrzehnte betonierten Realitäten prägen wiederum uns. Sie werden zur neuen Normalität.

Wir sollten uns vorderhand der allerschwierigsten Frage aussetzen. Was können wir gemeinsam wollen, als Gemeinde, als Kanton, als Ferienort, statt stets in den Vordergrund zu rücken, was jeder Einzelne zu brauchen meint. Erst mit einer gemeinsam entwickelten Idee schafft man geeint eine Zukunft. Dazu braucht es Vorschläge, Studien und Gespräche. Erst dann wird klar, was wir geben müssen und was wir zurück bekommen. Häuser sind wie Menschen kollektive Wesen. Darauf gründen lebenswerte Orte. Orte statt Agglomerationen, Quartiere statt Siedlungen.

Wie heisst es? Viele Köche verderben den Brei! Doch das tun sie nur, wenn nicht allen klar ist was gekocht werden soll. Wenn alle am selben Gericht arbeiteten, dann gäbe das eine ausgezeichnete Küche, dann würden viele Köche den Brei besser machen. Die Frage lautet also: Was wollen wir zusammen kochen?

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Einer der Essays, die in der Südostschweiz erschienen. Jeder mit dem Anspruch grosse Themen, nicht nur der Architektur, möglichst einfach und in wenigen Zeilen zugänglich zu machen.

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