Wirtshaus Fraunhofer

Bevor das Büro nach Fröttmanning zog, arbeiteten wir hinter dem Literaturcafé. Mit einem von Autogrammen übersäten Fussball machten wir oft draussen Pause und kickten den recht wertvollen Fc Bayern Ball gegen die Seitenwände der Salvatorkirche. Da waren wir ganz respektlos. Später musste ich knapp 10 km raus in die Heide. Unsere Bürocontainer standen bei der Baustelle des Stadions. Morgens radelte ich jeweils, mit manchen SUVs kämpfend, die Leopold hinaus. Abends ging es mit etwas gemächlicherem Tempo über den Englischen Garten nach Hause, in mein Glockenbachviertel. Oft hielt ich noch im Park, spielte Fussball mit Fremden und sprang danach in den Eisbach. Eine Einkehr beim Chinesischen Turm war zu teuer; oder war es nur Ausrede dafür, dass ich ihn schlicht als zu voll und zu laut empfand? Wir kauften besser Augustiner am Kiosk und gingen runter an die Isar. ‚z’Minga‘, jede Stadt beginnt in Bayern mit einem z,  kann man hart arbeiten und Geld verdienen – auch ausgeben. Man kann ganz wunderbar ‚sandln‘, in den Tag leben: „Schaung ma moi, dann seng ma’s scho.“

München hatte für einen wie mich, der aus einem 150 km entfernten Kaff kam, immer etwas Zwiespältiges. ‚Monaco‘ war die Stadt meiner Schulfreunde aus dem Internat. Sie wurden aus München, Landshut und Regensburg zu uns nach Niederbayern in die Klosterschule geschickt. Vielleicht war mir München wie manchem Aargauer Zürich: Leicht ungeheuer. München war unüberschaubar und mir grösstenteils unbekannt. Es interessierten mich damals aber auch nur die Kaufingerstrasse und die Läden in Richtung Sendlinger Tor, der Rinder- und Viktualienmarkt. Darüber kam ich nicht hinaus. Wozu auch. 

Das eigentliche München lernte ich erst sehr viel später kennen. Ich kam vom Studium aus Zürich zurück. Es eröffnete sich mir eine nahbare und gemütlich, gesellige Stadt, manchmal aber war sie eitel distanziert. Vielleicht träfe diese Wahrnehmung auch andere Metropolen, aber ich glaube diese Ambivalenz hier stärker empfunden zu haben und als irgendwie treffend.  Die eitle, grosskopferte Seite war nicht nur in den zu teuren, für München typischen Läden wie im Dallmayer und im Käfer zu finden, wo sich Lodenjanker um das Prosecco Buffett drängelten - ‚Schickeria‘ ist ja eine Münchner Erfindung -  sie manifestierte sich auch architektonisch in den schnurgeraden, höfischen Strassenfluchten Ludwigs des Strengen, deren Abmessungen und scharfe Kanten feudal und ungastlich waren. Teure Karossen reihten sich vor prunkvollen, stattlichen Fassaden. Man lebte hier nicht, sondern hatte eine gute Adresse. Doch die Endpunkte der ‚Prospekte’ mochte ich. Gern erinnere ich die mächtige und gleichermassen feingliedrig aufgestelzte Feldherrnhalle als guten Raum, ohne Florenz gekannt zu haben, daneben die schöne Theatinerkirche und im Rücken den Maximiliansplatz wissend. 

Oder ich denke an den Friedensengel, wo wir mit Zigaretten und Dosenbier den Sonnenuntergang verfolgten. Den Blick gegen Westen, die Prinzregentenstrasse hinunter zum Prinz Carl Palais. Doch nie wären wir eine dieser Regenten- oder Prinzenachsen freiwillig entlang gefahren, geschweige gelaufen. Die Schneisen boten eindrucksvolle Tiefe und Orientierung, aber sie waren kein Raum für wochenendlichen Schlendrian. Die aufgebauten Distanzen sollten Bedeutungsraum sein und deren Endpunkte aufladen. So dominierte man das Umland und überhöhte die eigenen Position. Landsitze wie Paladios Rotonda kommen mir in den Sinn. Der Innenraum, wie eine gefüllte Lunge, die die Landschaft in tiefen Zügen atmet. München war Anfang des 18 Jh. wenig bebaut. Man wirkte mit weiten Achsen, kultureller Überlegenheit, vom Podest herab. So schaffte man Präsenz und manifestierte Anspruch auf das Umland. Es war eine Geste der Macht. Heute bringt es der Stadt grossen Atem.

Diametral gelagert sind dazu die beschaulichen Wohnbau Beispiele, die den Studierenden zur Analyse vorgeschlagen wurden. Vieles kannte ich nicht, obwohl ich ein paar Jahre in München lebte, doch so manche Namen darin verehrte ich schon lange. Döllgast, Ruf, Fischer, Tessenow sind Teil meiner ‚architektonischen‘ Anfänge. Die reformierenden Modernen, die aus dem Gewöhnlichen arbeitend mit wenigen magischen Kunstgriffen Neues schaffen konnten. Architekten, die Serialität nicht als kontrastierende und beherrschende Dominante nutzten, sondern wie ein Ostinato – oder aktueller ein Riff – als ordnende Grundlage verstanden, um damit umso stärker ihre gestalterische Varianz und Motivik zur Wirkung kommen zu lassen. So verkommt die Reihe nicht zur auralosen Monotonie, wie Thomas Bernhard zu Recht befürchtete, sondern sie gewinnt. Formen sind unschuldig und bedeutungsfrei. Erst Intention und kultureller Kontext machen sie bedeutungsvoll.

Unter den Studienprojekten erhoffte ich mir noch mehr dieser namenlosen, für Novizen schwierig zugänglichen Architekturen. Häuser, die in meinen Erinnerungen das Münchner Gefühl stark prägten. Viele, der heute so begehrten Wohnquartiere sind aus diesen anonymen und mit der feinen Klinge geschlagenen Fassaden gebaut. Fischer hatte die kollektive Idee des geschlossenen Strassenraums, von im Schulterschluss stehenden Bauten, im Staffelbauplan kunstvoll vorbestimmt. Es sind massige, üppig wirkende Ziegelsteinbauten, gleichzeitig nuanciert wie unsere Baumeisterhäuser. Man findet vom rustikalem Putz mit tiefen Kellenschlägen bis hin zu gekalkten, von Lisenen und Faschen fein gefasste Putzflächen alles. Die elastisch gekurvten Raumsequenzen sind Orte des Alltags, für kleine Geschäfte, Betriebe und das Leben.

Wenn aus Spezifischem Typisches wird, so ist es in München das Wechselspiel aus höfisch schwülstigem Gebaren und pragmatisch elastischem Ortsbau zusammen mit den immensen naturnahen Freiräumen bis zum Alpenpanorama. Das macht für mich die typische Münchner Mischung. Dem nachzuspüren ist stets Grundlage um Differenzen entwerferisch nutzbar machen zu können.

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Beitrag zur Semesteraufgabe Wohnen in München, das Lineare und das Malerische, Herbstsemester 2020 mit Andreas Graf, Roger Moos, Stephan Popp, Marcella Ressegatti, Katharina stehrenberger, Toni Wirth, Alberto Dell'Antonio

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