Eingang

Ausgangslage waren schon früh sich aufdrängende Intuitionen. Zum einen sollte ein Bezug zum roten, für Basel typischen Sandstein, (Maintäler Sandstein) hergestellt werden. Dieser wurde bekanntermassen an mehreren Basler Kulturbauten  und an den  Putzflächen der Nachbarbauten eingesetzt. Zum Anderen sollten die Kremationsöfen als Türme einzeln gestellt werden. Die Särge sollten keinesfalls in der Achse gereiht und dann in niedrigen Türchen hinter einer Wand verschwinden. Den Öfen sollte, da nun auch Trauernde anwesend sein würden, eine darüber hinausweisende Bedeutung zugesprochen werden. Darüberhinaus wurde die Disposition der Räume so entwickelt, dass das Technikgeschoss natürlich belichtet werden kann.  Die Arbeiten im Untergeschoss wurde von Mitarbeitern bisher als bedrückend empfunden.

01_Innen
02_Hof
03_Innen-Frontal
04_Aussen
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Städtebau
Das Krematorium wird durch die Ausrichtung des oberen Quaders auf den Hirtenweg, sowie durch die südliche Begrenzung des Fusswegs verortet. Das Haus erscheint im Sockel als Friedhofsmauer. Erst aus der Entfernung, versteckt hinter den Bäumen, gibt sich ein abstrakter Kubus zu erkennen. Von der Lindenallee zurückversetzt, klärt es die unterschiedliche Gewichtung und Abfolge der 3 Häuser. Das Kapellen- und Aufbahrungsgebäude, Bauten des Erstbestandes, bleiben in Ihrer Wirkung erhalten. Das Krematorium, eigentlich ein Nebengebäude nimmt sich zurück und orientiert sich zum Ehrenhof hin, dem Anlieferungshof. Unser Neubau stört die Präsenz und Klarheit des Bestandes nicht, ja er wird mehr als Artefakt denn als Gebäude wahrgenommen.

Ofenraum
Das Krematorium bzw. der Saal liegt quer zur Allee. Es meidet die Axialität zum Kapellengebäude. Eingang und Ausblick verlaufen Ost-Westrichtung über die Giebelseiten. Die Ofentüren liegen für den Besucher linkerhand, um nicht, so wie in der Machbarkeitsstudie vorgeschlagen, sofort einsehbar zu sein. Die Halle selbst wirkt wie ein Blätterdach. Die Verwandtschaft mit dem davorliegenden Boskett ist augenscheinlich. Der rot gefärbte, gestockte Monobeton wirkt wie Sandstein, darüber legt sich ein perforiertes, textiles Betongewebe aus hochfestem UHPC, dessen Struktur den Kolumbarien der Nekropolis auf Montjuïc entlehnt ist. Betritt man den Raum, wird das vorher kaum erkennbare, fast fahle und barocke Licht zwischen den Türmen nun wirksam. Es gleitet die Treppe hinab und lenkt den Blick der Angehörigen unweigerlich in die umliegenden Baumkronen und den Himmel. Die einzige sinnvolle Antwort auf den Tod. Die Nordseite bleibt geschlossen. Der Ofenraum wird so ganztags unterschiedlich, atmosphärisch ausgeleuchtet und schafft einen unaufdringlichen, pietätfollen Rahmen, ohne den technischen Hintergrund eines Infrastrukturgebäudes verleugnen zu müssen.

Perret

Artefakt. Urtyp
Die restlichen Räume um den Ofenraum gruppiert benötigen weniger Höhe als die Halle. Ca. drei Meter statt acht sind ausreichend. Dies erlaubt einem gestuften Baukörper der weniger ein Haus, denn ein Artefakt, ja vielleicht Denkmal ist. Die Nutzung durch Angehörige fordert uns dazu auf, ein sonst technisch zu verstehendes Haus mit einem ‚Mehr an Bedeutung’ zu versehen. Dazu wird der Sockel abstrakt ausformuliert, wie ein Podium. Verwachsen mit dem Boden erscheint es kaum höher als sonstige Friedhofsbegrenzungen. Die Wände des Ehrenhofes sind wie das krematorium von Efeu berankt, vermoost und verwittert. Darüber tront ein textiler Quader. Ein verkrusteter Zikkurat, der mit den davorliegenden Bosketts korrelliert und neben den Bezügen zu Denkmälern, weitere Bedeutungsebenen evoziert. Die Raum- und Lichtwirkung fusst auf dem universellen Gesetz sich gegenseitig bedingender Kontraste: Licht und Schatten, massiv und diaphan, Erde und Himmel, Natur und Gebautes, innen und aussen, Tod und Leben. So wird der Ausdruck eines eigentlichen Nebengebäudes überhöht und seiner besonderen Bedeutung zugeführt. Es handelt sich weniger um eine Kirchen oder Tempelbau, wie sonst bei den Krematorien des 19 Jhds., sondern um eine Lichtskulptur im Sinne Fritz Schuhmachers:

„So gilt es denn, für die Wirkung des Sakralen einen Ausdruck zu finden, der seine Kraft nicht aus dem Material historischer Formen zieht, sondern aus dem Urmaterial, mit dem Baukunst wirkt und schafft. Wenn man sagt, dass dieses Urmaterial in bestimmten feierlichen Verhältnissen der Massen, in der Lenkung des Lichtes und der Verteilung der Schatten, im sinnvollen Gebrauch der Farben und ihrer Verknüpfung mit edlen Baustoffen besteht, deutet man wohl einige Richtungen an, in denen die Fantasie sich zu bewegen vermag.“

Umbegungsgestaltung
Wie beschrieben wird der Friedhof Hörnli durch breite, grüne Baumbänder gegliedert. Zum einen sind es geometrisierte Alleen, zum anderen nahezu waldartige Umrandungen mit reichhaltiger Strauchschicht. Diese Umfassungen und Alleen bestimmen die Proportionen des weitläufigen Friedhofs und geben der Anlage Anleihen barocker Absolutheit. Das neue Krematorium liegt inmitten bzw. hinter einer ‚waldigen Ecke’ mit dichter Strauch- und waldartiger Baumschicht. Die Eigenschaften ‚dicht’ und ‚waldartig’ werden als Bosquets neu interpretiert. So wird der Ort in eine eigenständige und dennoch verwandte Gestalt überführt.

Modell

Den Neubau hinter die Bosquets zu legen schafft zweierlei Qualitäten:
Erstens wird das Haus eingewaldet. Die Dichtheit des ehemaligen Waldstücks wird übersetzt in eine geometrisierte, barockähnliche Form eines Bosketts. Der Sprung in die zweite Reihe versteckt es hinter zwei, zum Bestand analoge Heckenfelder, die den öffentlichen Teil vom Anlieferungshof elegant trennen, ohne eine Wand bauen zu müssen. Einblicke von Fussgängern und vorbeifahrende Autos werden unterbunden.

Eine zweite Qualität liegt in der Ost-West gerichteten Anordnung des Ofenraums. So können die Betriebsräume zum Ehrenhof hin orientieren werden. Die in der Machbarkeitsstudie noch unterridischen, kaum belichteten Betriebsräume werden mehr als ausreichend belichtet und belüftet. Sogar ebenerdige Ausgänge in den Hof sind möglich, so lange die Sockelwirkung der Ehrenhofmauer gewahrt bleibt. Lange Schlitze, von Efeu umrankt beleuchten den Gang, Aufenthaltsraum und Ofenraum. Nach Rücksprache mit einzelnen Mitarbeitern und Leitern von anderen schweizer Krematorien wurden wir auf diesen Missstand mehrfach hingewiesen. Daher, so denken wir, ddarf man ein solche Chance keinesfalls verstreichen lassen.

Wenn man das Aufbahrungsgebäude verlässt, befindet man sich inmitten des ersten Bosquets, in einer Art Innenraum, einem ‚Salle de verdure’. Buchenstämme begleiten die Raumfolge. Der Weg weitet sich in der Mitte des ersten Bosquets zu einer kleinen Lichtung mit steinernen Sitzbänken und einer Stahlschale im Zentrum. Hier können symbolische Feuer gezündet werden, ein Treffpunkt vereinbart, persönliche Abschiedsrituale unter freiem Himmel gefeiert werden. Der weitere Weg, mit rollstuhlgängigem Gefälle, führt in das zweite Bosquet, den Eingangsbereich und Kondolenzgarten des Krematoriums. Die Lichtung ist überdacht, vom Portal und einer Lichtstütze getragen. Eine grosse Bank in Kombination mit leichten Stahlstühlen, wie sie sonst auf dem Friedhof verwendet werden, erlauben verschiedene Sitzgruppierungen. Hier kann man sich treffen, warten, Abstand halten zur Kremation, Abschied nehmen oder eintreten in den Besucherraum, der den Blick in den überhohen diaphanen Ofensaal öffnet um einen geliebten Menschen zu verabschieden.

 

--Mitarbeit: Simon Staudacher; Haustechnikkonzept: Roland Wüthrich; Tragwerk: Matthias Schmidlin; Landschaft: Seraina Kuhn von Tobler Landschaftsarchitekten; Technik: Dr. Gebhard Schetter von Dipl.-Ing. RUPPMANN Verbrennungsanlagen GmbH und Henrik Clemens von IFZW GmbH & Co. KG; Beratung: Cyrill Zimmermann Leiter des Krematoriums Nordheim sowie Stephanie Stratmann Architektin.

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