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Pragmatische Ertüchtigung des Gemeindehauses Glarus Süd mit Mehrwert und Öffnung der ehemals privaten Parkanlage 'Villa Platane' für die Öffentlichkeit.

Annäherung Aufgetragen wurde uns, inwiefern in Etappen eine Zentralisierung der kommunalen Departemente zu bewerkstelligen wäre. Das in die Jahre gekommene Gemeindehaus in Schwanden muss in einem ersten Schritt ohnehin auf Stand gebracht und ertüchtigt werden und nach Möglichkeit das Einwohneramt aufnehmen. In einem zweiten Schritt könnten, falls gewünscht, die anderen drei Departemente aus Mitlödi, Haslen und Nidfurn folgen. Den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern sollen Etappierungsvarianten zur Abstimmung vorgelegt werden um politischen Umwegen und Hürden vorzubeugen.

15a BadstrasseBestand

Für die Projektideen bedeutet das, dass immer beide Zustände funktionieren müssen. Die erste Etappe des Umbaus darf den ursprünglichen Zustand der Villa, also die ‚Patrizierbaute‘ nicht verleugnen sowie zukünftige Entwicklungen nicht einschränken, denkt man an anderweitige Nutzungen oder gar an einen Verkauf der südlichen Parzelle. Die zweite Etappe, sei sie in Richtung Garten oder in der Häuserlücke gedacht, darf die vorher getroffenen Entscheide ebenfalls nicht beeinträchtigen.

Denkt man noch weiter in die Zukunft, so wird die Erweiterung vielleicht einmal nicht mehr als Büro genutzt werden, sondern in 100 Jahren wird einmal darin gewohnt. Glarus Süds Baukultur illustriert gut, wie sehr sich Wohnhäuser, Herrenhäuser und öffentliche Bauten über die Zeiten wandeln. Beispielhaft sei die Villa Platane genannt. Ursprünglich, war sie ein, von einem eindrücklichen Dach bekröntes, massives Bauernhaus. Später wurde sie mit dem einhergehenden Wohlstand der Industrialisierung grob bis auf die Sockelmauern heruntergebrochen. Auf die verbliebenen Mauerreste bauten die Zürcher Brüder Brunner historistischen Fassaden und Mansarddächer, ganz im Sinne der damaligen französischen Akademietradition.  Die Villa, mit für damalige Verhältnisse modischen Anleihen, finden wir heute beachtens- und schützenswert. Zu Recht.

Wir befinden uns also an einem Ort voller Geschichte(n) und Umbrüche, die es weiterzuschreiben gilt. Sie sind Ausdruck eines steten Ringens um Wohlstand im Glarner Süden. Diese Lebenshaltung prägte die beiden Täler seit Jahrhunderten, und noch heute. Spitz formuliert handelt es sich um Geschichten von Kleinbauern und Herren, architektonisch neben den Industriebauten, um Bauern- und Bürgerhäuser. 

Herrenhaus GemeindehausVon Villa zu Amtshaus 

Ort Die Gemeindeverwaltung amtet im ehemaligen Herrschaftshaus des Vorzeigeindustriellen und eigentlichen Bauernsohns aus Sool, Peter Jenni. (1824-1879)  Ursprünglich, so zeigt es unten die historische Karte Schwandens, war die mit Consul Peter Jenni angeschriebene Villa von gefassten, formalen Gärten und Aussenräumen umstellt. Im Norden, auf dem heutigen Gleisdamm lag eine Art kleiner Platz. Der öffentliche Auftritt präsentierte sich hier, der private Zugang lag gegenüber im Haus, im südlichen Garten, der gegenwärtig verschlossen ist. Das Haus hat mit dem Park leider nichts mehr zu tun.  

Die stattlich vornehme Wirkung und Präsenz von Villen entsteht nicht nur über einen kultiviert erscheinenden Formenkanon, sondern auch mittels räumlicher Distanz, die meist ein grosser, parkartiger Umschwung aufbaut. Der Garten wirkt wie ein Rahmung oder Verstärker für den Bau. Für die Besucher baut er eine eindrucksvolle Distanz auf. Der Weg wird bis in die privaten Räume eines Hausherren bedeutungsvoll gedehnt. Neben der Grösse und Gestalt ist also vor allem ein grosszügiger, gut unterhaltener Umschwung wichtig. Eine gediegene Vorfahrt und Dienstgebäude unterstreichen die vornehme Wirkung. Diesen, in Glarus Süds Geschichte bekannten Garten- und Umraumbezug (vgl. Gebiet Thon) wollen wir hier nicht für Private, sondern für die Öffentlichkeit nutzbar machen. Trotz der schroff geführten Schneise der Gleise und Bahnhofstrasse im Dorfkörper sind wir überzeugt, hier nach wie vor einen guten, neuen Ort für das Dorf schaffen zu können – eine neue Gemeindeverwaltung im Park der bis zur Linth reicht. Wer hat das schon?

  

Historische Situation Schwanden

Zwei Kunstgriffe Die Südseite gewinnt mittels eines massiven, runden Turms an Präsenz. Darin liegt eine Treppe mit Öffnungen wie Fotografien zum Park.  Daneben platzieren wir den Lift zur Raumtrennung und behindertengerechten Erschliessung. Besucherinnen und Besucher werden die Baute nun verstärkt über den Parkbezug im Treppenturm erleben. Des Weiteren vergrössern wir das Raumangebot mit der steinernen Laube. Wir nutzen folglich vor allem landschaftliche Motive aus der Gartenarchitektur und entwickeln daraus spezifisch Neues, hoffentlich Elementares. (vgl. Zitronengärten unten) 

Stärken wollen wir die öffentliche Strahlkraft des Gemeindebaus zudem mit einer Aufstockung. Der aktuelle Dachraum ist schlecht nutzbarer Restraum und daher verständlicherweise von verschiedenen, unschönen Gauben durchsetzt. Wir denken einen grossen Besprechungsraum bzw. Saal mit bis zu 100 Personen im neuen Dachraum unterzubringen. Kleinere, laterale Räume können als Breakouträume oder Lager genutzt werden. Ein Umbau zu Büroräumen wäre natürlich auch leichterhand umsetzbar, dann würde der Saal in die Orangerie wandern.

In der Tat glauben wir eine Lösung vorzuschlagen, die mehr bietet als die ‚Teilvariante‘ der Auslobung. Falls der Annex (gemeint ist der Neubau für die Variante 'Alle Dienste an einem Standort') wider Erwarten nicht gebaut würde, so hätten wir mit der ohnehin anstehenden und notwendigen Snaierung inkl. der Aufstockung und der Orangerie bereits genug erreicht, um einen starken, weiterhin entwicklungsfähigen Ort für die Zukunft zu schaffen.

Die wichtigste Neuerung (zweiter Eingriff) stellt die Drehung der ursprünglichen Ausrichtung dar. Wir wollen den Bau zukünftig von Südwesten, vom Dorf aus erschliessen. Die Verwaltung wird so Teil des Dorfes und bleibt kein ausgelagertes Bürovolumen wie bis anhing, ein haus mit Hintereingang vom Werkhof. Die Baute soll angemessen empfangen. Ein zweigeschossiger Portikus wendet sich daher dem Bahnübergang zu. Davor liegt ein kleiner, steinerner Platz, der bis auf Hochparterreebene angehoben wird. Der Höhensprung zur Strasse wird damit weniger schroff und eine behindertengerechte Erschliessung möglich. Uns überzeugt der neue Auftritt und die damit gewonnene Nähe. (Nachtbild oben) Vor allem gefällt uns die neue Höhe und strahlende Wirkung der 'Laterne'. Sie ist Ausdruck eines gemeinschaftlichen, kommunalen Raums, der allen gehört.

Grundrisse Variante Anbau 

Zweite Etappe für alle Dienste an einem Ort In der Lücke dahinter könnte der neue Bürobau zu liegen kommen. Wegen des Gefälles setzen wir ihn ein halbes Geschoss tiefer und überlassen dem Hauptbau weiterhin den grossen Auftritt. Das kleine Bürohaus entsteht als Konsequenz aus gegebenen Grenzabständen und Fassadenfluchten. Das Treppenhaus legen wir nicht, wie man erwarten würde, als Gelenk zwischen die Bauten, sondern in das Haus hinein. So kann die Baute bei Bedarf einmal abgetrennt und für Wohnzwecke umgenutzt werden. 

Fehr OberdorfGrundrisse Variante VOLL 

Technik Der Bestandsbau wird mit neuen Deckenaufbauten ertüchtigt. Die meisten Wände und etliche der schönen Türen möchten wir erhalten und instandsetzen. Die gröbsten Eingriffe verlagern wir ausserhalb der Fassaden. Lift und Treppe kommen in die Laube und das Dach wird aufgestockt. Die gekammerte Struktur erhalten wir im Wesentlichen. Geheizt wird über klug gesetzte Radiatoren. Vor allem erhält die heutige Empfangssituation mehr Raum und Atem zu Gunsten eines freundlichen, grosszügigen Foyers.

Den Neubau verstehen wir als Holzbau, der aussen mit Mauerwerk aus Dämmziegeln umstellt und gedämmt wird. Damit erreichen wir eine warme, auf lange Zeit flexible Atmosphäre. Wir kennen die verputzten Häuser, die im Inneren mit grobem Strick und Täfer aufwarten. Dieser Wechsel entwickelte sich zu einer Glarner Wirklichkeit und interessiert uns, auch deswegen, weil er einen wirkungsvollen Kontrast zum Bestand bildet, der sonst eher gekammert und massiv bleibt. Der Neubau dagegen ist hölzern und grossräumig. Die Decken legen wir mit vernünftigen Spannweiten auf Unterzüge. Mit der einfachen, robusten Konstruktion halten wir Bauzeit und Kosten tief. Vermutlich trifft eine solche Denke und Haltung auch den Glarner Charakter. Eine pragmatische, fast archaische Lösung, mit Feinheiten.

Hoffassade ParkBezuege 

Tektonik Wir bauen im voralpinen Gebiet. Manche sagen klimatisch zwischen Oberitalien und Schweden. Wir empfinden Nähe zu den Bündnern, in der Bau- und Denkweise nicht gleich, aber ähnlich. Unsere Herrenhäuser sind zwar jünger, keine mittelalterlichen Palazzi, aber die vernakulären Bauten sprechen ebenso leise und sind von grosser Nüchternheit geprägt. Noch immer spürt man wie den Bergen, den Bächen einmal das Land abgetrotzt wurde. Diesen Zusammenhang möchten wir architektonisch formulieren. 

Einfacher fällt uns das beim Anbau in der zweiten Etappe. Ein verputzter Massivbau mit Fenstern, Fassungen, Fensterbänken und Läden aus Lärchenholz, darüber schliessen Balkenköpfe der Dachsparren wie Zahnreihen die Mauerkronen ab. Ein feiner Farbunterschied deutet den Sockel an. 

Ein wesentliches Fassadenmotiv entwickeln wir aus den Eckquadern der Villa. Die steinernen, gefugten Lisenen nutzen wir sparsam um die Fassaden der Aufstockung zu ordnen und als Laterne wirken zu lassen. Am Eingang tragen sie etwas gedrungen proportioniert einen kleinen Portikus. Die Steinquader sind teils grob geschlagen, teils glatt aus heimischem Stein – vielleicht sogar aus unserem Verucano? Wir denken an die plastischen Arbeiten von Ulrich Rückriem oder die seltsam rustifizierte Natursteinsäulen der Villa Sarego von Palladio. 

Daraus entwickeln wir die rustikalen Säulen der Laube. Dazwischen öffnen sich grossformatige, raumhohe Fenster mit Stoffstoren. Die rustifizierende Pilastrierung verwebt das Gemeindehaus, mit der Villa Platane und dem Anbau sowie mit dem Ort inmitten der Glarner Bergwelt – die sich besonders eindrücklich auf der Dachterrasse erfahren lässt.

Orangerie PlataneOrangerie Umbau

Zum Schluss bleibt die Frage wie sich die Gemeindeversammlung entscheiden wird. Wir hoffen mit unseren Ansätzen einen hilfreichen Beitrag zur Entscheidungsfindung erarbeitet zu haben.

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Studienauftrag mit Folgeauftrag, selektives, zweistufiges Verfahren, Empfehlung zur Weiterbearbeitung, Projektleitung: Benedikt Profanter, mit Ingenieur Markus Küng von Runge AG Glarus, Landschaftsarchitektur Beglinger + Bryan, Zürich Luzern

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