Gsesch dä Ökofritz da hinde? Wie dä da obe am Hang hockt und abe luegt?“ fragte ich meine Frau als wir zwischen den Wiesen liefen. „Dä da, wo so öko tuet, wit wäg vo de andere, versteckt hinder dä Bäum und dä Büsch.“ „Wä zum Tüfel meinsch du?“, fragte meine Frau. „Ich gseh kei Mänsch.“ „Z’Hus döt mein ich.“. Erst da fiel mir auf: Ich setze Häuser mit Charakteren, mit Typen und Wesen gleich, ohne es zu merken.  Für mich ist das natürlich. Für meine Frau? Schräg.

Wenn ich mit dem Auto durch das Glarnerland fahre, nerve ich mich immer häufiger: Wie der sich jetzt wieder wegdreht! Mir einfach den Rücken zukehrt! Teilnahmslos steht der herum und kommt bei mir an wie eine trotzige Tocotronic Liedzeile: ‚Alles was ich will ist nichts mit Dir zu tun haben.‘

Andere stieren dumpf ins Leere. Trotz motorischer Steuerung, verschleiern graue Rafflamellenstoren über Jahre hinweg zu gross geratene Schlafzimmerfenster. Die Fassaden schauen belämmert drein, bleiern, wie nach einer durchzechten Nacht. Dazwischen liegen kleinformatige Toiletten- und Treppenhausfenster verstreut, frei nach Lagerfelds Jogginghosentheorie: Wer sich so gebart hat die Kontrolle über sein Leben verloren. 

 

Okay. Zugegeben. Ich führe mich hier wie ein gefrusteter Greis auf,  laut lamentierend, weil ihn die Jungen nicht mehr grüssen und keine anständigen Hosen tragen wollen. Doch mich packt gerade eine Sehnsucht danach, wie Bauten einmal zueinander gesetzt waren. So wie eine Gruppe plaudernder Menschen, nicht mechanisch hingestellt, sondern locker einander zugewandt. Man bildete gemeinsam Zwischenräume und lag nicht so leger, selbstbezogen, als hingeschmissener Investitionshappen auf der Wiese herum. Man stand in Beziehung, nah, rückte zusammen, teils, weil man wollte, manchmal auch, weil man musste. Die Abstandsregeln waren, anders als heute, Ergebniss von Aushandlungsprozessen, ja auch von Machtansprüchen, aber sicher qualitätsvoller als die inflationär beschworene physikalische „Dichte“. Lieber denke ich an ein ‚Zusammenrücken‘.

Mir imponiert der Schulterschluss einer farbigen Häuserreihe entlang einer Strasse. Die Bauten stehen festlich im Spalier, wie eine Hochzeitsgesellschaft das Brautpaar erwartend. So wird Freiraum zum Gemeingut, denn kollektive Wesen, also Häuser bilden den öffentlichen Raum. Alles andere sind Resträume, Abstellräume. 

 

Es ist ein grosser Unterschied, ob man sich in guten Kleidern, mit einer aufgeräumten, sortierten Fassade zeigt, auch wenn dahinter mal eine Treppe schräg liegt oder ob der öffentliche Raum einen weniger kümmert. Dann empfangen Besucher:innen Garagentore statt Hauseingänge, dann stehen unverhohlen Abfallcontainer auf dem Betonpflaster vor den Türen und Passanten werden blankweisse Wärmepumpen entgegengereckt. Würde nicht ein kleiner Lattenverschlag schon helfen? Es wäre eine nette Geste, wie ein freundlicher für einen lamentierenden Hochbetagten durchaus wahrnehmbarer Gruss. Aber ich will mich nicht weiter echauffieren. Häuser sind halt auch nur Menschen.

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Einer der Essays, die in der Südostschweiz erschienen. Jeder mit dem Anspruch grosse Themen, nicht nur der Architektur, möglichst einfach und in wenigen Zeilen zugänglich zu machen.

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