Hans Eberle Streiff

Absicht Der Umgang mit historischer Substanz ist für unsere Arbeit von grosser Relevanz. Neben der kulturhistorischen Einordnung wollen wir stets räumliche sowie atmosphärische Qualitäten lesen und aus ihnen heraus entwerfen. Wir wollen das Wesen eines Ortes verstehen, gestalterisch nutzbar machen und dadurch die Qualitäten des vielbeschworenen ‚genius loci‘ ins rechte Licht rücken. Mit Altem neues Schaffen. So verstehen wir Tradition im ursprünglichen Sinn: Weiterweben. 

Ort Im Werk II prallen verschiedenste Qualitäten von Dorf, Industrie und Landschaft aufeinander. Südlich liegen beziehungslos, ja fast stoisch wirkende, schlanke Grossbauten des historischen Zeugdrucks, östlich kommen teils stattliche Bürgerhäuser, aber auch Nebenbauten in all ihrer Kleinkörnigkeit und Brüchigkeit zum Platz. Westlich, innerhalb des Areals, finden wir etwas abgekapselt die neuzeitlichen, eher pragmatischen Bauten der 60er Jahre längs der Linth. Die Aufgabe lautet also nicht bloss wie die Wirkung der Kernbauten und deren Umfeld erhalten bleibt, sondern auch, wie all diese unabhängigen Qualitäten, auch der neueren Zeit an einem Ort, in einem Erweiterungsbau zusammenkommen sollen. Der ehemals allen Bauten gemeinsame, murale Ausdruck ist für zeitgemässe Produktionsgebäude keine adäquate Antwort mehr. Nicht ohne Grund werden Bauten wie die Färberei heute für Wohnzwecke genutzt.

 Hans Eberle Historisch

Eingriff Zuerst schlagen wir einen städtebaulichen Kniff vor. In der Mitte des Areals finde wir vor allem schlanke, hohe Bauten vor. Die Ränder des Areals ordnen sich eher unter. Genauso wollen wir die Traufhöhen der Ecken brechen, die Dachflächen im Südosten und Nordosten tieferlegen, die Mitte höher belassen. Das Volumen zerfällt nun in kleinmassstäblichere, der Umgebung verwandte Einzelbauten. Die Ecken wirken wie Eingangs- oder Pförtnerhäuser des grossen Volumens dahinter. Die Grossform ist nun trotz ihrer eigentlich gewaltigen Dimension, nicht mehr monumental. Sie wird ins malerische aufgelöst und selbstverständlich in den Massstab des Dorfes eingewoben.

Die entstandenen hohen, länglichen Körper ordnen das Geviert grosszügig. Der südliche Körper übernimmt die Traufhöhe der Gasse. Die Mensa findet hier prominent, statt im engen Zwischengeschoss, den Platz, der ihr eigentlich zusteht. Die Volumen ähneln den Kernbauten ohne sie zu konkurrenzieren. Gemeinsam treten sie sogar stärker auf. Die freigespielten Ecken geben zudem diagonale Sichtbezüge zum Hänggiturm frei. Die entstandenen Giebel der Ecken schauen auf den Gassenraum, den Platz oder in den Strassenraum nach Ennetbühls.

 Hans Eberle Proportion 

Landschaft Wenn man von einer 5-ten Fassade sprechen wollte, dann besonders an Orten wie hier im Glarnerland. Die Sicht von oben ist entscheidend für eine gelungene Einbettung in das Dorf-aber auch Landschaftsbild. Erklärtermassen glauben wir im Süden die Traufkante übernehmen zu müssen und die Dachgeometrien den jeweiligen Nachbarbauten anzupassen. Eine tiefere Traufe wäre unklar und würde die Dachlinien und die Übergäng zu abrupt gestalten. Die äusseren Bauten des Werks II werden extensiv begrün, weniger zur Imagepflege eines nachhaltigen Betriebes, sondern um den Zusammenhang mit dem Grüngürtel herzustellen und – den sommerlichen Wärmeschutz elegant zu lösen. Das Dach des Kopfbaus wird zurückgebaut. Eine schöne Terrasse mit mobilem Grün wäre hier denkbar. Hinter den schlanken, hohen Volumen wechseln wir die wenig geneigte Dachlandschaft zu Sheddächern. Sie belichten die Halle darunter sehr gut und gestalten den Übergang zum Norden moderat. 

Hans Eberle Luftbild

Funktion und Struktur Das Produktionsgebäude wäre im Grunde ein überhoher zweigeschossiger “Klumpen“ mit Zwischengeschoss für diverse untergeordnete Nutzungen. Im vorderen Teil wird er nun durch den Mensaaufbau dreigeschossig. In den tieferliegenden Ecken befinden sich eine Art Produktionsshowroom, darüber die Büros. Im Norden sind die Garderoben mit Doppelschränken und Nassbereichen angeordnet. Die Treppenhäuser liegen jeweils in unmittelbarer Nähe. Sie bieten kurze Wege, auch für die Feuerpolizei und notwendige Steigzonen. Der Kopfbau wird zum Eingang für die Produktion, aber auch das Mensageschoss. Falls dies nicht zur Ausführung käme, wäre eine Fremdvermietung durchaus denkbar. 

Die Produktionshallen sind sportlich, grosszügig überspannt. Wir schlagen eine sehr gängige Stahlkonstruktion vor. Trapezbleche im Betonverbund liegen auf Längsträgern mit Spannweiten um die 13 bzw. 11 m. Die Längsträger liegen als Zangen auf Konsolen. Dadurch entsteht zwischen den Trägern ein Zwischenraum für die Haustechnikführung. Die Stützen werden um 90 Grad gedreht, sodass im Stützenhohlraum kleine Steigzonen entstehen. 

Hans Eberle Glarus GASSE

Machart und Wirkung Wir wollen ein Produktionsgebäude bauen. Eine Hülle für hochtechnologisierte, serielle und präzise Fertigungsverfahren. Dies war neben dem schönen Ortsbild Grundlage für unsere Suche. Eine Fassade, die das transportieren kann und doch den Kontext der Zeugdruckindustrie nicht unterschlägt. Wir können den Sockel der Spinner- und Weberei nicht sinnvoll nutzen und bauen ihn zurück. Wir glauben dadurch eine ruhigere und damit stärkere Gestalt zu erreichen. 

Hans Eberle Konzept

Gebaut wird mit einer sehr bewährten und kostengünstigen Sandwichelementkonstruktion aus Metall in der Ordnungslogik der Mauerwerksbauten. Hochformatige Fenster reihen sich in engem Abstand, ohne sichtlichem Rhythmus. Das Licht fällt tief in den Raum. Darüber legen wir eine textile Ordnung aus immer gleichen, einbrennlackierten Paneelen, die in einer nach oben enger werdenden Logik von Zierprofilen gefasst und geordnet werden. Es entsteht ein feingliedriger Ausdruck, ein Haus mit den Qualitäten eines Möbels oder einer Maschine. Textil wirkt die vorgehängte Fassade. Sie ersetzt den Sonnenschutz. Schützend davor liegt ein Betonsockel auf Sitzhöhe. Die Geschosse bzw. die Fassadenordnung ist dabei wie eine Fibonacci Reihe, klassisch proportioniert. Die Geschosshöhen wachsen von 3:2:1. Trotz der Grösse der Fassade stehen dabei immer die einzelnen Paneele in Beziehung zum menschlichen Körper. Die Teile sind greifbar, lassen vom Einzelteil auf das Ganze schliessen: Das Gegenteil von Monumentalität und Monotonie landläufiger Industriefassaden. 

Hans Eberle Glarus FRONT

Extrakt Man kann vereinfacht sagen, dass wir die vorgefundenen Qualitäten im Neubau komprimiert haben. Die Verwandlung führt zu einem neuen, aber doch sehr verwandten Bau. Wir haben den hölzernen strukturellen Aufbau des Hänggiturms, über den hochseriellen Massivbau gestülpt. Wir vermitteln in tektonischer, typologischer und topologischer Hinsicht ohne dabei einen zeitgemässen Ausdruck aus den Augen zu verlieren. Es war uns wichtig dem Neubau eine starke, ruhige Form zu geben, die in Kontakt mit Dorf, Industrie und Landschaft tritt. Eine, die sich neben den Kernbauten nicht duckt, sondern kooperativ stärkt. Wir gaben erst nach langem Zögern den Sockel der Weberei frei. Ich denke nun: Das wäre es wert. Wir wollten keine mittelhohe Lösung wie ihn das Wettbewerbsprogramm vorsah, sondern ein klares Bekenntnis, zu den schlanken, hohen und seriellen Vorbildern, ohne dabei deren selbstverständliche Wirkung in Frage zu stellen, sondern zu stärken. 

Wir glauben je länger, je weniger daran uns der Geschichte unterzuordnen. Wir wollen sie annehmen, uns mit ihr auf Augenhöhe zusammentun, mit ihr die bereits angelegte Identität weiter entwickeln. 

Hans Eberle Isometrie

 

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Privater Studienauftrag der Hans Eberle AG in Ennenda, nach Überarbeitungsrunde auf 2. Rang platziert

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